Waffen für Kinder Ein Albtraum in Rosarot

Kinder: Die amerikanische Waffenindustrie hat auch sie im Visier. Im Bild: Die neunjährige Brianna lernt zusammen mit anderen Kindern den Umgang mit Waffen - hier mit einem Sturmgewehr AK-47 -, um sich gegen "Feinde" zu verteidigen. Organisiert wird das Überlebenstraining von der North Florida Survival Group, einer Bürgermiliz.

(Foto: REUTERS)

Der Fall des fünfjährigen Kristian, der seine zweijährige Schwester erschoss, bewegt Amerika. Solche Tragödien geschehen in den USA immer wieder, denn hier ist es nicht ungewöhnlich, dass schon Kleinkinder mit Handfeuerwaffen hantieren: Die Industrie umwirbt die junge Zielgruppe offensiv.

Von Christian Wernicke, Washington

Es gibt die Waffe in allen Farben: Rosa, Orange oder klassisch Walnussbraun. Und man findet sie überall in Amerika, das Kleinkalibergewehr Crickett 22: Der lokale Waffenladen verkauft es, und auf jeder Gun Show findet sich ein Händler, der die Kinderknarre für 139 Dollar feilbietet. "My first Rifle", mein erstes Gewehr, lautet der copyright-geschützte Werbeslogan der Firma Keystone in Pennsylvania, die jährlich 60.000 Schusswaffen ausliefert und nie den kleinen Warnhinweis auf dem Pappkarton vergisst: "Not a toy!" (Kein Spielzeug!)

Kristian Sparks besaß auch eine Crickett. Der fünf Jahre alte Bursche aus Burkesville, einem ärmlichen Weiler am Fuße der Appalachen im Süden Kentuckys, war stolz auf sein Schießgewehr. Also hat Kristian, da seine Mutter kurz vor die Tür des Wohnwagens trat und die Hunde fütterte, seine Crickett aus der Zimmerecke geholt und zum Spaß abgedrückt.

Die Kugel traf seine Schwester Caroline in die Brust. Als die Mutter zurück ins Haus stürmte, lag das zweijährige Mädchen ohnmächtig in seinem Blut. Caroline ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.

Die Waffendebatte ging an Burkesville vorbei

Das ganze Dorf trauert nun mit den Sparks. Die Polizei stuft den Tod als "tragischen Unfall" ein. Und als "Albtraum". Auch Gary White, der zuständige Leichenbeschauer, ist entsetzt. Die Eltern, so seine Diagnose, hätten die Kugel im Gewehrlauf übersehen, zudem habe offenbar die Kindersicherung versagt. "In diesem Teil des Landes ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Fünfjähriger ein Gewehr hat", sagt White. "Hier reichen wir unsere Waffen von Generation zu Generation weiter."

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Die hitzige Debatte über schärfere Waffengesetze, die im fernen Washington entbrannt ist, ging an Burkesville vorbei. Hier auf dem Land gehören Waffen zum Leben, hier fühlt man konservativ: Nur einer von fünf Wählern stimmte vorigen Herbst für Obama.

Tragödien wie der Tod der Caroline Sparks geschehen immer wieder. Anfang April erschoss ein Vierjähriger eine Frau in Tennessee, kurz drauf tötete in New Jersey ein Vierjähriger seinen zwei Jahre älteren Spielgefährten durch einen Kopfschuss. Amerikaner besitzen 300 Millionen Schusswaffen, das macht etwa eine pro Bürger. Und die Gesundheitsbehörde CDC schätzt, dass alle drei Tage ein Kind in den USA bei einem Unfall mit einer Waffe stirbt.

"Nichts Finsteres"

Die Nachfrage der Kinder wird sehr gezielt geschürt. Seit Jahren sponsert die Waffenindustrie Programme für Kinder ab acht Jahren, die beim Nachwuchs die Lust am Schießen wecken sollen. Und der Waffenlobby NRA gelingt es, das gesetzliche Mindestalter für Jäger in manchen Bundesstaaten zu senken - oder ganz abzuschaffen. Einer der Finanziers dieser Früherziehung am Abzug ist die National Shooting Sports Foundation (NSSF) mit einem Jahresetat von 26 Millionen Dollar.

NSSF-Präsident Steve Sanetti hat der New York Times unlängst versichert, hinter seinen Programmen stecke "nichts Finsteres". Man sei nur "realistisch" und wolle jungen Bürgern den Umgang mit ihrem Grundrecht auf Waffenbesitz lehren. Der Mann kennt die Auswüchse. Die NSSF hat ihren Sitz in Newtown, in jener Kleinstadt also, in der im Dezember ein junger Amokläufer 27 Menschen erschossen hat.