VW in Brasilien Spitzeln für die Junta

Der Werkschutz arbeitete wie ein Geheimdienst. Oppositionelle Mitarbeiter wurden der Militärregierung gemeldet, Verhaftungen geduldet. Brasiliens Staatsanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen VW do Brasil.

Von Stefanie Dodt, Hamburg

Ein Untersuchungsbericht der brasilianischen Bundesstaatsanwaltschaft belastet den VW-Konzern schwer. Der unveröffentlichte, 406 Seiten starke Bericht liegt der Süddeutschen Zeitung und dem NDR vor. Er bestätigt Recherchen, nach denen die Wolfsburger Konzerntochter VW do Brasil während der brasilianischen Militärdiktatur (1964 bis 1985) aktiv mit dem Regime zusammengearbeitet hat, eigene Mitarbeiter und deren politische Gesinnung ausspähte, dies schriftlich dokumentierte - Papiere, die anschließend bei der politischen Polizei landeten. "VW hatte eine aktive Rolle. Das Unternehmen wurde nicht dazu gezwungen. Die Firma hat mitgemacht, weil sie das so wollte", schreibt Guaracy Mingardi, der Hauptgutachter der Bundesstaatsanwaltschaft. Diese ermittelt seit mehr als zwei Jahren, welche Verantwortung VW für Menschenrechtsverletzungen zur Zeit der Diktatur trägt.

Der Untersuchungsbericht ist Kern des Ermittlungsverfahrens, das kurz vor dem Abschluss steht. Aus Sicht des leitenden Bundesstaatsanwalts zeigt er eine systematische Zusammenarbeit von VW mit dem damaligen Militär. Dem Bericht zufolge ließ der VW-Werkschutz politische Verhaftungen auf dem Werksgelände zu, für die kein Haftbefehl vorlag. Für VW-Mitarbeiter, die oppositionellen Gruppen zugeordnet wurden, folgte teils monatelange Folterhaft. Im Bericht heißt es, VW Brasilien habe Mitarbeiter womöglich sogar im Vorfeld ihrer Verhaftung beobachtet: "Es ist unwahrscheinlich, dass VW nicht aktiv an diesen Ermittlungen teilgenommen hat." Er bestätigt auch, dass der VW-Werkschutz eine zentrale Rolle spielte. Die Abteilung war demnach durchsetzt von Ex-Soldaten, die unmittelbar zuvor noch bei den Streitkräften beschäftigt waren. NDR, SWR und SZ hatten berichtet, wie eine Unterabteilung des Werkschutzes auf dem Firmengelände in São Bernardo do Campo zu einem werkseigenen Geheimdienst mutierte, der die Belegschaft ausspionierte.

Mingardi betonte, dass VW Brasilien eine führende Rolle bei Treffen von nationalen und internationalen Firmen spielte, bei denen schwarze Listen von Mitarbeitern erstellt wurden. VW do Brasil sei zu Beginn der Diktatur vor allem von ideologischen, anschließend, zur Zeit der Streikbewegung beginnend Ende der 1970er Jahre, vorrangig von einem kommerziellen Interesse geleitet gewesen. Zuletzt habe sie die "repressive Maschinerie des Staates" nutzen wollen, um Streiks zu verhindern.

Das Gutachten äußert sich nicht zur Frage, was die Konzernzentrale in Wolfsburg von den Verbindungen der Konzerntochter mit der Militärdiktatur wusste. Spätestens 1979 habe der damalige Konzernchef Toni Schmücker aber von den Vorwürfen erfahren, als brasilianische VW-Mitarbeiter nach Wolfsburg gereist waren, um ihn in Kenntnis zu setzen.

Volkswagen hat sich bislang nicht inhaltlich zu den Vorwürfen geäußert - im Unternehmen deutet sich aber eine Wende im Umgang mit dem Thema an. Mitte Dezember sei im Werk in Brasilien ein Treffen mit betroffenen ehemaligen Mitarbeitern geplant, sagte VW-Chefhistoriker Dieter Landenberger.