Vorwahlen der Republikaner Satan kam doch nicht bis Washington

Rick Santorum gewinnt weiterhin Vorwahlen in den Südstaaten der USA, dabei ist er vor allem bei den evangelikalen Christen beliebt. Seine katholischen Glaubensbrüder fremdeln mit dem ehemaligen Senator. Was Santorums Erfolge über Politik und Religion in Amerika verraten.

Von Jan-Werner Müller

Zwar schwinden Rick Santorums Chancen, der republikanische Kandidat für die amerikanische Präsidentschaft zu werden. Und doch gewinnt der konservative Katholik weiterhin Vorwahlen im Süden der Vereinigten Staaten. Dabei fällt auf, dass der frühere Senator aus Pennsylvania so gut wie überall die erste Wahl für Evangelikale ist, aber erstaunlich schlecht bei seinen eigenen Glaubensbrüdern und -schwestern abschneidet: Katholiken entscheiden sich gegen einen Mann, der viele offizielle Positionen des Vatikans vertritt. Zeigt dies, wie weit Amerika von Rom entfernt liegt? Oder birgt diese Kuriosität vielleicht ein Lehrstück über das Verhältnis von Politik und Religion, das auch für Europa relevant sein könnte, nicht zuletzt mit Hinblick auf die "Islamdebatten"?

In den USA wird zwischen Kirche und Staat strikt getrennt, mit einer Schärfe, die noch heute in einer Reihe von europäischen Ländern - Kruzifixurteil hin oder her - undenkbar wäre. Gleichzeitig sind viele Amerikaner davon überzeugt, die Nation sei im Kern christlich, ja sie basiere sogar auf dem Glauben an ein höheres Wesen. Nur hieß Christentum in den Vereinigten Staaten lange Zeit: Protestantismus. Katholiken sahen sich, wie auch in vielen europäischen Staaten, dem Verdacht ausgesetzt, ihre Loyalität gelte letztlich Rom.

Der Ku-Klux-Klan machte Jagd auf Katholiken; respektable Universitätsprofessoren behaupteten bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, Katholizismus und Demokratie seien nicht kompatibel (was dann auch erklären sollte, warum Lateinamerika und Iberien fest in der Hand von Diktatoren gewesen sei).

Der lange Zeit in Harvard lehrende Ideengeschichtler H. Stuart Hughes, ein Kenner Europas, verstieg sich noch 1958 zu der Behauptung, die in Deutschland und Italien dominanten christdemokratischen Parteien seien eine Gefahr für den freien Westen, da sie dem Christentum immer Vorrang vor der Demokratie geben würden. Er kenne sich da aus, fügte Hughes hinzu, denn er lebe in Massachusetts unter lauter Katholiken.

Was amerikanische Katholiken noch heute als "das letzte gesellschaftsfähige Vorurteil" bezeichnen, wurde besonders virulent, als John F. Kennedy sich um das Präsidentenamt bewarb: Antikatholische Agitatoren behaupteten, der Papst werde seine Residenz in die USA verlegen, sollte Kennedy gewinnen. Der junge Senator aus Massachusetts musste immer wieder beteuern, allein er werde politische Entscheidungen fällen, und nicht der Klerus (eine Bekräftigung der Trennung von Politik und Kirche, welche Santorum nach eigenem Bekunden "Brechreiz" verursacht). Die Mehrheit der amerikanischen Katholiken votierte 1960 für Kennedy.

Als allerdings mit John Kerry 2004 der nächste katholische Kandidat im Kampf um das Präsidentenamt antrat, entschieden sie sich vorwiegend für seinen Rivalen George W. Bush - nicht zuletzt, so schien es, weil die Kirche Kerrys Haltung in Sachen Abtreibung heftig kritisiert hatte.

Katholiken galten lange als besonders schlechte Demokraten

Spätestens seit Richard Nixon galt es als Binsenweisheit der amerikanischen Politik: Die Republikaner profitieren von zunehmender Polarisierung, und vor allem von kulturkämpferischen Themen - primär Abtreibung. Der "Grand Old Party" gelang es anscheinend immer wieder, katholische Arbeiter von den Demokraten zu entfremden, obwohl Letztere ihre ökonomischen Interessen verfochten. In den achtziger Jahren sprach man von "Reagan Democrats": Linksliberale Kommentatoren schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, wie es zu einer derart widersprüchlichen Koalition zwischen Arbeiterklasse und Big Business hatte kommen können.

Aber so einfach waren die Dinge wohl doch nie: Neuere Untersuchungen zeigen, dass zwar auf lange Sicht immer weniger Arbeiter und Mitglieder der unteren Mittelschicht die Demokraten wählen - aber dass dies nichts mit Kulturkampf zu tun hat. Die Verluste erklären sich fast ausschließlich dadurch, dass die Demokraten einst den amerikanischen Süden hinter sich wussten, weil sie Hauptunterstützer der zwar nicht legalen, aber de facto vorhandenen Rassentrennung waren. Als die Partei in den sechziger Jahren auf die Seite der Bürgerrechtsbewegung wechselte, traten die Republikaner das Erbe der "Dixie Democrats" an.

So ist denn die Vorstellung von den Arbeitern, die sich im fanatischen Kampf gegen Schwulenehe aufreiben und darüber ganz ihre wirtschaftlichen Nöte vergessen, wohl ein Mythos. Im Gegenteil: Je besser man verdient, desto wahrscheinlicher, dass man die Republikaner wählt. Und weniger gebildete Amerikaner stimmen, was moralisch brisante Fragen angeht, eher mit den Demokraten als mit den Republikanern überein.

Die Kirche legt den Gläubigen nun nahe, die Republikaner seien die einzig moralisch akzeptable Wahl - erst kürzlich rief der Erzbischof von New York, Timothy Dolan, die Gläubigen auf, sich stärker in die Politik einzumischen, weil Obama die Kirche gleich an mehreren Fronten attackiere. Die Laien sollten sich in den Kulturkampf werfen, nicht zuletzt da die Zeit der fetten, glatzköpfigen irischen Bischöfe in Sachen Kirchen-PR abgelaufen sei - eine attraktive junge Frau, so Dolan, sei heute die bestmögliche Anwältin eines Abtreibungsverbots.

Religiöser Fundamentalismus gehört eher zu den Freikirchen

Doch die Politik von der Kanzel funktioniert nicht: Die Katholiken fremdeln nicht nur mit der Wirtschaftspolitik der Republikaner, sondern auch mit deren fundamentalistischer Rhetorik. Ein Großteil der Gläubigen ignoriert inzwischen päpstliche Botschaften zu Abtreibung und Verhütung. Es ist dann nicht mehr ganz so überraschend, dass laut Umfragen viele Katholiken Santorum für einen Evangelikalen halten, weil ihr gelebter Glaube mit der Wahnwelt des Senators, wonach der Satan leibhaftig die USA attackiere, wenig zu tun hat. Ein moderater Mormone ist ihnen lieber.

Die Sozialwissenschaftler Robert Putnam und David Campbell haben kürzlich plausibel erklärt, die Verquickung von Religion und Politik in den vergangenen dreißig Jahren stelle eine Anomalie in der Geschichte der USA dar - die vielen Amerikanern ganz und gar nicht gefällt. Eine überwältigende Mehrheit wünscht, dass Predigten nicht für politische Messages missbraucht werden.

Die Republikaner sind in der Tat zur Partei der Evangelikalen geworden (deren Zahl seit den frühen neunziger Jahren stetig sinkt) - was allerdings auch bewirkt, dass sich vor allem immer mehr junge Bürger von allen Glaubensgemeinschaften abwenden. Die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, so Putnam und Campbell, sei toleranter und setze inzwischen Religion als solche mit Bigotterie - vor allem Homophobie - und Fanatismus gleich. Die beiden Sozialwissenschaftler meinen somit nicht nur, dass eine Vermischung von Politik und Kirche der Religion schade, sondern dass politische Präferenzen religiöse Einstellungen entscheidend beeinflussten: nicht Atheisten wählen Demokraten, sondern Linksliberale haben irgendwann alles Religiöse satt.

Es wird sich zeigen, ob derartige Hypothesen Bestand haben. Europäer - und nicht zuletzt Beobachter des arabischen Frühlings - sollten jetzt schon bei zwei Ideen aufhorchen: Die Vorstellung, Gläubige stünden jederzeit bereit, sich politisch mobilisieren, wenn nicht gar manipulieren zu lassen, scheint nicht zuzutreffen. Welche religiösen Einstellungen man beispielsweise bei Muslimen in Europa auch finden mag - es ist nicht der Fall, dass sich diese in politische Identitäten übersetzen ließen. Und zweitens: Wenn Putnam und Campbell recht haben, ist die Frage nicht so sehr, wie sich der Islam liberalisieren kann, sondern wie Menschen, die auch Muslime sind, eine Reihe von liberal-demokratischen Werten schätzen lernen und erleben können.

Der Autor lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte in Princeton.