Tatsächlich haben sich Ressentiments gegen den Islam längst in der Mitte der Gesellschaft breitgemacht, vor allem mithilfe des allseits beliebten Kopftucharguments. 93 Prozent der Deutschen, auch das fand das Allensbacher Institut heraus, denken beim Stichwort Islam an "Unterdrückung der Frau". Diese 93 Prozent sind mitnichten sämtlich ungebildet oder rechts; sie sind aber leider auch nicht alle Feministen. Die Frauenbewegung könnte einen späten Sieg feiern, erblickten 93 Prozent der Deutschen Geschlechterungleichheit, sobald sie im Lebensmitteldiscounter vor einer unterbezahlten Kassiererin stehen oder einem stets von männlichem Priester geführten katholischen Gottesdienst beiwohnen.
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"Wir" contra "die Fremden"
Stattdessen erkennen die meisten deutschen Männer und Frauen ein Opfer des Patriarchats nur, wenn es unterm Kopftuch daherkommt; dann allerdings völlig unabhängig davon, ob dieses sich selbst als Opfer fühlt oder was an eigenen Gedanken in dem Kopf unterm Tuch vorgehen mag. Mit Kopftuchfrauen spricht man nicht, man bemitleidet sie einfach. Sogar Alex Wiens, der Mörder Marwa El-Sherbinis in Dresden, gab die Stellung der Frau im Islam als einen der Gründe für seinen Islamhass an. In der Ablehnung des vermeintlich frauenfeindlichen Islams treffen sich Bild-Zeitungsleser und Bildungsbürger, Rechte, Linke und die dazwischen: Argumente des Feminismus als gesellschaftlich breit akzeptierte Benutzeroberfläche für die Abgrenzung eines "Wir" contra "die Fremden".
Und so hat auch Mehrheitsdeutschland längst begonnen, den vom Grundgesetz garantierten Pluralismus der Meinungen und Lebensformen zu beschneiden. Dafür verwenden wir hier keinen Volksentscheid, sondern mit Hilfe der Länderparlamente wurde festgelegt, in welchen öffentlichen Berufen kein muslimisches Kopftuch getragen werden darf. Auch kein Pendant wie das der Fernseh-Praktikantin Derya, eine Mütze. Wenn die Mütze muslimisch "gemeint" ist, läuft auch das nach derzeitiger Rechtsprechung in vielen Bundesländern auf einen Verstoß gegen die Neutralitätspflicht an Schulen hinaus.
So gesehen hat die Schweiz nur den typisch schweizerischen Weg beschritten für etwas, das man in Resteuropa anders löst. In Belgien dürfen Schuldirektoren über den Schulbesuch bekopftuchter Mädchen entscheiden. Dänemark und Deutschland haben den Nachzug von Ehefrauen aus Ländern wie der Türkei stark eingeschränkt. In den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland plädierten Politiker für ein Burka-Verbot, angesichts der geringen europäischen Burkadichte mit ähnlich durchschaubaren politischen Intentionen wie das Schweizer Minarettverbot.
Einmal unterstellt, dass Islamfeindlichkeit kein Phänomen ohne Vorgänger und ohne Wurzeln ist, sondern die aktuelle Erscheinungsform dessen, was bis vor wenigen Jahren schlicht Ausländerfeindlichkeit hieß - dann sollten wir an Deutschlands letzte fremdenfeindliche Phase denken. Zu Beginn der 1990er Jahre hatte man nicht "Angst vor Islamisierung", sondern "Angst vor Überfremdung". Die Medien sprachen von Asylantenfluten und Flüchtlingsströmen. Nazis belagerten tagelang Migrantenwohn- und Flüchtlingsheime in Rostock und Hoyerswerda. Die Gesetzgeber nutzten die Stimmung für eine Grundgesetzänderung, das dem von sicheren Drittstaaten allseits geschützten Deutschland seither beschämend niedrige Asylbewerberzahlen beschert. Sobald die populistische Rede von der Angst der Massen allgemeine Zustimmung gefunden hat, bereitet sie den Weg für dubiose Gesetze und schlimmstenfalls sogar für rechte Schläger. Auch das sollte bedenken, wer den Ruf nach Minarett- und Kopftuchverboten als harmlosen Ausdruck einheimischen Unwohlseins begrüßt.
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(SZ vom 17.12.2009/segi)
Reiseknigge: Türkei
Danke, sehr guter Artikel.
Es hat zwar *auch* mit Angst zu tun - all zu viele Europäer glauben immer noch, jeder Moslem sei gegen ihr Land und/oder ihre Kultur - und dieser Angst sollte eben auch rational begegnet werden. (Zum Beispiel, in dem klar und offen diskutiert wird, welche Ängste die Bevölkerung hat, welche davon berechtigt sind und welche davon schlicht Angst vor dem unbekannten "anderen" sind.) Aber das ist eben nicht alles, und Ihr Artikel zeigt das auf.
Das einzige, was fehlt, sind Hinweise auf die vielen wissenschaftlichen Studien, die genau dasselbe belegen.
Nirgendwo im Koran steht, dass Frauen ein
Kopftuch tragen müssen. Das hat der Gründer
der modernen Türkei; Kemal Atatürk s e h r
richtig erkannt und konsequent gehandelt - Auch
die Pluderhose und der Fez wurden von ihm
logischerweise verboten. Einziger Zweck dieses
angeblich religiös begründeten Kleidungsstück :
Unterscheidung. Ich weiß mich zu erinnern, daß
auch meine Großmutter so bekleidet herumlief,
meine Mutter nicht --- sie war emanzipiert !!
Ob das Alice Schwarzer ebenso sehen würde?
Mit Ihrer naiven und kritiklosen Beweihräucherung des Islam in der Süddeutschen provozieren Sie natürlich Gegenstimmen, die Sie selbstgefällig als rassistsich oder rechtsextrem abtun.
Ein Kopftuch steht nun mal nicht für Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit. In Ihren Augen sind alle Religionen außer dem Islam rückständig und reaktionär.
Wenn man alle zwei Tage Berichte über geistesgestörte muslimische Attentäter liest, ist das für das Image des Islam äußerst schlecht.
Mir geht Ihre permanente Argumentation a la Claudia Roth inzwischen gewaltig auf die Nerven.
Kopftücher sind nun einmal die Symbole einer rückständigen Denkweise. Die modernen Muslima pfeifen auf dieses unschöne Kleidungsstück, sie sind stolz auf ihre Schönheit, ihre Haare und den Mut, in der Gesellschaft etwas zu werden. Selbstbewusst und offen. Alles andere ist Murks von gestern. Der Islam ist leider nun einmal nicht kompatibel mit einer Gesellschaft, die die Frau gleichberechtigt sieht. Es gibt kein islamisches Land mit Toleranz gegenüber anderen Religionen oder Frauen, die frei leben wollen. Leider. Insofern kann man nur hoffen, dass Frankreich hier ein Vorbild für Deutschland sein wird.
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