Feminismus als antiislamisches Argument: Die Ressentiments gegen den Islam haben sich in Europa längst in der Mitte der Gesellschaft breitgemacht - vor allem mit Hilfe des Kopftucharguments.
Die Autorin Hilal Sezgin ist Schriftstellerin und Journalistin. Ihr jüngstes Buch heißt: "Mohammed und die Zeichen Gottes: Der Koran und die Zukunft des Islams" (mit Nasr Hamid Abu Zaid bei Herder).
Die meisten deutschen Männer und Frauen erkennen ein Opfer des Patriarchats nur, wenn es unterm Kopftuch daherkommt; dann allerdings völlig unabhängig davon, ob dieses sich selbst als Opfer fühlt oder was an eigenen Gedanken in dem Kopf unterm Tuch vorgehen mag. (© Foto: dpa)
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Es gibt unzählige Geschichten von kopftuchtragenden Mädchen wie die von Derya. "Ich habe großartige Videos von Derya gesehen", sagt deren Lehrerin. "Sie will Kamerafrau werden, darum habe ich ihr einen Praktikumsplatz organisiert." Bei einem privaten Fernsehsender.
Nach zwei Tagen war mit dem Praktikum Schluss. Derya trägt nämlich ein Kopftuch. Das müsse sie abnehmen, sagte die Fernsehchefin. Am nächsten Tag versuchte Derya es mit einem Kompromiss, sie band sich einen Schal um und setzte eine Mütze auf. Damit war die Chefin zufrieden. Derya nicht. "Ich habe mich unwohl gefühlt, unmöglich könnte ich ein Jahr lang so herumlaufen."
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, mit Müttern, die ehrenamtlich in Schulen mitarbeiten möchten, denen aber wegen ihres Kopftuchs nahegelegt wird, es besser nicht zu tun. Mit arabischstämmigen Schülerinnen, die bei knappen Gymnasialplätzen auf die Realschule geschickt werden, obwohl ihre Noten nicht schlechter sind als die ihrer deutschstämmigen Klassenkameradinnen. Muslimische Mädchen lernten später ja doch keinen richtigen Beruf, glaubt die Lehrerin zu wissen, also mache ihnen das Fehlen des Abiturs weniger aus.
Sind das die Segnungen der Gleichberechtigung, die Offenheit und Fairness des aufgeklärten Europa? Sind umgekehrt Mädchen wie Derya, ihre Mütter, Väter und Brüder Menschen, vor denen man "Angst" haben muss? Denn Angst war es angeblich, die eine Mehrheit der Schweizer gegen den Bau von Minaretten stimmen ließ. Solche Angst müsse man ernst nehmen, wird CDU-Rechtsaußen Wolfgang Bosbach seither nicht müde zu verkünden. Er ist nicht der Einzige mit dieser Behauptung geblieben: So wie man in früheren Jahren vom "Protestwähler" sprach, der angeblich nicht aus einer rechten Gesinnung heraus rechts wählte, sondern weil er der Politik einen Denkzettel verpassen wollte, so wird das Schweizer Abstimmungsergebnis dieser Tage auch gern als "Signal" gelesen, nicht etwa als der Gesetzesentscheid, der es ist. Dieses Signal wiederum zeige keine allein schweizerische, sondern eine breite europäische Stimmung an.
Letztere Behauptung ist sogar richtig. Bloß bräuchte man für derlei Erkenntnisse den Schweizer Volksentscheid nicht! Schon seit Jahren warnen Sozialforscher, dass das Misstrauen gegen Muslime in Europa auf dem Vormarsch ist. Entscheidender Wendepunkt ist dabei nicht 9/11. Noch in den Jahren danach stieg die Islamfeindlichkeit jeweils erheblich. Das zeigten unter anderem Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach: Dass der Islam von Fanatismus geprägt sei, meinten im Jahr 2004 bereits 75 Prozent und zwei Jahre später sogar 83 Prozent der Deutschen. Auch sei der Islam intolerant (71 Prozent) und undemokratisch (60 Prozent).
Das Christentum hingegen verbanden 80 Prozent der Befragten mit Nächstenliebe und 65 mit Friedfertigkeit. Zu allem Überfluss erleben wir, wie das Pew Research Center in Washington im Jahr 2008 herausgefunden hat, gleichzeitig ein Wiedererstarken des Antisemitismus. 52 Prozent der Spanier, 50 Prozent der Deutschen und 38 Prozent der Franzosen wurde eine ablehnende Haltung gegenüber dem Islam attestiert; eine Ablehnung des Judentums zeigten 46 Prozent der Spanier, 25 Prozent der Deutschen und 20 Prozent der Franzosen. Beide Zahlen seien in den letzten Jahren gestiegen, und es gebe eine deutliche Kongruenz: Wer sich negativ über das Judentum äußere, tue dies auch in Bezug auf den Islam.
Angebliche Angst der Massen
Wir haben es hier wohl kaum mit einer verängstigten europäischen Bevölkerung zu tun, die im Schatten minarettloser Moscheen Zuflucht vorm Terrorismus sucht. Wer den Islam pauschal für fanatisch, intolerant und undemokratisch hält, wer im Nach-Holocaust-Europa eine ablehnende Haltung gegenüber dem Judentum einzunehmen vermag, der hat keine Angst, sondern der hat Vorurteile. Der hegt Ressentiments, für deren Aufklärung und Abbau er zumindest in gewissem Maße selbst verantwortlich ist - einen Grundsockel an Schulbildung und demokratischer Reife bei den Befragten einmal vorausgesetzt. Denn das wäre eben der nächste Fehler: zu meinen, solche Vorurteile hegten stets nur die anderen, weit unten, ganz rechts.
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Danke, sehr guter Artikel.
Es hat zwar *auch* mit Angst zu tun - all zu viele Europäer glauben immer noch, jeder Moslem sei gegen ihr Land und/oder ihre Kultur - und dieser Angst sollte eben auch rational begegnet werden. (Zum Beispiel, in dem klar und offen diskutiert wird, welche Ängste die Bevölkerung hat, welche davon berechtigt sind und welche davon schlicht Angst vor dem unbekannten "anderen" sind.) Aber das ist eben nicht alles, und Ihr Artikel zeigt das auf.
Das einzige, was fehlt, sind Hinweise auf die vielen wissenschaftlichen Studien, die genau dasselbe belegen.
Nirgendwo im Koran steht, dass Frauen ein
Kopftuch tragen müssen. Das hat der Gründer
der modernen Türkei; Kemal Atatürk s e h r
richtig erkannt und konsequent gehandelt - Auch
die Pluderhose und der Fez wurden von ihm
logischerweise verboten. Einziger Zweck dieses
angeblich religiös begründeten Kleidungsstück :
Unterscheidung. Ich weiß mich zu erinnern, daß
auch meine Großmutter so bekleidet herumlief,
meine Mutter nicht --- sie war emanzipiert !!
Ob das Alice Schwarzer ebenso sehen würde?
Mit Ihrer naiven und kritiklosen Beweihräucherung des Islam in der Süddeutschen provozieren Sie natürlich Gegenstimmen, die Sie selbstgefällig als rassistsich oder rechtsextrem abtun.
Ein Kopftuch steht nun mal nicht für Aufgeschlossenheit und Weltoffenheit. In Ihren Augen sind alle Religionen außer dem Islam rückständig und reaktionär.
Wenn man alle zwei Tage Berichte über geistesgestörte muslimische Attentäter liest, ist das für das Image des Islam äußerst schlecht.
Mir geht Ihre permanente Argumentation a la Claudia Roth inzwischen gewaltig auf die Nerven.
Kopftücher sind nun einmal die Symbole einer rückständigen Denkweise. Die modernen Muslima pfeifen auf dieses unschöne Kleidungsstück, sie sind stolz auf ihre Schönheit, ihre Haare und den Mut, in der Gesellschaft etwas zu werden. Selbstbewusst und offen. Alles andere ist Murks von gestern. Der Islam ist leider nun einmal nicht kompatibel mit einer Gesellschaft, die die Frau gleichberechtigt sieht. Es gibt kein islamisches Land mit Toleranz gegenüber anderen Religionen oder Frauen, die frei leben wollen. Leider. Insofern kann man nur hoffen, dass Frankreich hier ein Vorbild für Deutschland sein wird.
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