Vorsitz der Jungen Union Nachwuchspolitiker beim Vorstellungsgespräch

Paul Ziemiak (links) und Benedict Pöttering kandidieren für das Amt des Bundesvorsitzenden der Jungen Union.

(Foto: Benedikt Becker)

Wer folgt auf Philipp Mißfelder? Im September wählt die Junge Union einen neuen Vorsitzenden. Die Kandidaten Benedict Pöttering und Paul Ziemiak touren durch die Landesverbände. Ortsbesuch in einem Wahlkampf, der immer persönlicher wird.

Von Benedikt Becker

Man muss genau hinhören, um sie wahrzunehmen, die Sticheleien bei diesem Diskussionsabend der Jungen Union (JU). Man habe sich zu "etwas Besonderem eingefunden", sagt Bayerns JU-Chef Hans Reichart zur Begrüßung und meint das Duell der beiden Kandidaten, die neben ihm sitzen: Paul Ziemiak, 28, Student und Landesvorsitzender der Jungen Union in Nordrhein-Westfalen. Und Benedict Pöttering, 31, Betriebswirt und Vize-Chef der JU. Eine Kampfkandidatur für das Amt des Bundesvorsitzenden - in der nach außen meist geschlossen auftretenden Union ist in der Tat etwas Besonderes.

Nach 12 Jahren tritt Philipp Mißfelder als JU-Chef ab, eine Ära geht zu Ende. Zuletzt wurde der CDU-Außenpolitiker für seine Teilnahme an einer Feier mit Russlands Präsident Putin kritisiert. Viele JU-Mitglieder werfen Mißfelder vor, die Themen ihrer Generation vernachlässigt zu haben. Orts- und Kreisverbände seien schlecht in die politische Arbeit eingebunden, die Landesverbände nicht gut genug vernetzt. Nicht wenige in der JU wünschen sich einen Neuanfang.

Mit welchem Vorsitzenden ein solcher Neuanfang gelingen soll, entscheiden 316 Delegierte auf dem "Deutschlandtag" der JU am 19. September im oberbayerischen Inzell. In der Regel sprechen sich die Landesverbände vor dem Wahltag für einen Kandidaten aus. Rein rechnerisch hätte demnach Ziemiak die besseren Chancen, der bereits 10 der 18 Landesverbände auf seiner Seite weiß. Mit Abweichlern rechnen Delegierte beider Lager, die Wahl ist geheim. "Es wird knapp", heißt es aus der JU-Spitze. Und so tingeln die Kandidaten durch die Landesverbände, um für sich zu werben und mit den Mitgliedern zu diskutieren. In Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Hessen und im Saarland sind sie schon gemeinsam aufgetreten. Nun also Bayern.

Vorstellungsrunde bei bayerischer Gemütlichkeit

Ungefähr 40 der insgesamt 63 bayerischen Delegierten für den JU-Deutschlandtag sind ins "Gasthaus Mittl" nach Ingolstadt gekommen. Die Kulisse ist rustikal bayerisch. Die Wände sind holzgetäfelt, die Lampe an der Decke verzieren Hirschgeweihe, aus dem Nachbarzimmer dringt Akkordeon-Musik. Immer wieder unterbricht eine Kellnerin die Monologe der Kandidaten: "Bratwürstel mit Kraut? Spätzlesuppe?" Oberbayerische Gemütlichkeit.

In sieben Minuten sollen sich Ziemiak und Pöttering vorstellen. Beide brauchen länger, vieles klingt ähnlich. Ihr erster Kontakt mit der Politik? Ein lokales Projekt in ihrer Heimat. Ziemiak wollte ein nächtliches Sammeltaxi für die partybegeisterte Jugend im Sauerland, Pöttering einen Skateplatz im niedersächsischen Bad Iburg. Ihre Themen? Rente mit 63, Mindestlohn, Mütterrente, Generationengerechtigkeit. Politik sei "kein soziales Wunschkonzert", sagt Ziemiak. "Beim Koalitionsvertrag haben wir alle ein bisschen geschlafen", sagt Pöttering. Ihre Vorstellung von einer neuen JU? Mehr Basisbeteiligung, kommunales Engagement, selbstbewusstes Auftreten. "Klare Kante", fordert Ziemiak. "Mehr Dampf entwickeln", heißt das bei Pöttering.

Die Kandidaten unterscheiden sich inhaltlich kaum

Inhaltlich unterscheiden sich die beiden CDU-Nachwuchspolitiker allein in ihrer Schwerpunktsetzung. Pöttering spricht viel über Wirtschaftsthemen, die linke Tageszeitung Neues Deutschland nannte ihn kürzlich einen "neoliberalen Nörgler". Mit dem Mindestlohn werde die Struktur der sozialen Marktwirtschaft abgeschafft, sagt er. Die Rente mit 63 habe "fatale Folgen für unsere Generation". Mehrfach verweist Pöttering auf seine Rede beim vergangenen CDU-Bundesparteitag. Als einer von drei jungen Christdemokraten hatte er den Rentenkompromiss kritisiert.

Ziemiak hingegen vertritt teilweise Positionen, die in ihrer Rhetorik an Roland Kochs Ausländer-Wahlkampf in Hessen erinnern. "Eine Staatsbürgerschaft ist mehr als ein Blatt Papier", sagt er. Sie sei mit der Pflicht verbunden, "im Verteidigungsfall für sein Land einzustehen." Außerdem könne es nicht sein, dass Asylsuchende von anderen Asylbewerbern beschimpft würden, weil sie Christen seien. "Für solche Menschen ist kein Platz in Deutschland."