Von Stefan Braun

Amtsinhaber Horst Köhler gibt den lieben älteren Onkel, Gesine Schwan und Peter Sodann plaudern nett miteinander: Der letzte große Auftritt der drei Konkurrenten beim Grundgesetz-Staatsakt in Berlin.

Die beiden sitzen ziemlich unauffällig in Reihe sechs. Er hat die legere Mode gewählt, trägt das weiße Hemd offen und dazu ein verbeultes Jackett. Seinen Mantel hat er locker über die Knie geschlagen. Sie sitzt daneben im taubenblauen Kostüm, wirkt deutlich aufgeräumter und hat sich dennoch nicht über Gebühr herausgeputzt. Ob der blanke Zufall die beiden nebeneinander platziert hat, ist nicht recht zu sagen.

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Horst Köhler bei den Feierlichkeiten in Berlin. (© Foto: AP)

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Immerhin aber plaudern Gesine Schwan und Peter Sodann erstmal sehr nett miteinander, während sie auf den Auftritt von Bundespräsident Horst Köhler warten. Jenem Mann also, dem beide einen Tag später das Amt streitig machen werden. Köhler will bleiben, die beiden in Reihe sechs wollen das dagegen verhindern. Die Entscheidung lässt nicht mehr lange warten. 24 Stunden sind es ungefähr noch bis zum ersten Wahlgang an diesem Samstag, da steigt schon die Spannung.

Trotzdem tun Schwan und Sodann, was ihre Rolle ist, sie lauschen erstmal ihrem Kontrahenten. Köhler ist einziger Redner beim Staatsakt zu 60 Jahren Bundesrepublik. Er bekommt vor der versammelten Staatsspitze im Konzerthaus Berlin eine letzte Gelegenheit, um für sich zu werben. Und er tut das mal wieder auf seine ganz eigene Weise: Er gibt den lieben älteren Onkel, der nach sechzig Jahren allen dankt und jedem Mut machen möchte. Schwan lauscht ihm konzentriert, das lässt sich schnell erkennen. Sodann wirkt eher gelangweilt, dreht Däumchen und spart viel beim Beifall.

So wie die Rede überhaupt lange Zeit ohne Beifall auskommt. Der Bundespräsident lässt vieles Revue passieren, preist das Grundgesetz als "Leuchtfeuer unserer Freiheit", freut sich über die deutsche Einheit und lobt am Ende alle zusammen: "Wir haben viel gelernt und viel geleistet. Wir können stolz sein auf das Erreichte." Die rund dreißigminütige Rede ist eine optimistische Zusammenfassung der letzten sechs deutschen Jahrzehnte, gegen Schluss appelliert er gar, die Deutschen sollten sich versprechen, "dass wir das Gute, das wir erfahren und erarbeitet haben, als Verpflichtung für die Zukunft begreifen." Sätze, die fast an ein politisches Vermächtnis erinnern.

Dass Horst Köhler das gleichwohl nicht wirklich gemeint haben dürfte, zeigen seine wenigen konkreten Botschaften, die man durchaus als Werbung verstehen könnte. Mehr als sonst schon lobt er die Ostdeutschen: Die meisten in der DDR hätten ihr Leben mit Anstand gemeistert, die meisten in West wie Ost hätten nach dem Krieg ein besseres Deutschland schaffen wollen. Und die vielen, die mit dem friedlichen Protest die Mauer eindrückten, verdienten besonderen Ruhm: "Danke an alle, die dabei waren! Ihr mutiger Einsatz hat unendlich viel zum Ansehen unseres Volkes in der Welt beigetragen." Schwan bleibt auch an der Stelle faire Gegnerin, sie applaudiert heftig. Sodann dagegen verweigert das, er fühlt sich von Köhler eben nicht wirklich vertreten.

Am Ende gibt es stürmischen Beifall für einen Köhler, der sich schüchtern verneigt vor der versammelten Staatsspitze - und sich dann so schnell auf seinen Stuhl zurückzieht, als wolle er dorthin flüchten. Pathos ist an diesem Tag ohnehin wenig zu spüren. Nach anderthalb Stunden ist alles vorüber. Und das, was draußen vor der Tür noch als Teil der Feier geplant war, findet wegen horrender Absperrungen und mangelnder Einladungspolitik fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Da spielen Karnevalsvereine aus dem Rheinland, Fahnenschwenker vom Bodensee schwenken ihre Fahnen und lederbehoste Goaßlschnalzer aus Bayern schwingen ihre Peitschen. Doch an den unzähligen Absperrgittern stehen nur ein paar Dutzend Gäste. Was freilich eines zeigt: Vom Staat organisierte Massenaufläufe sind endgültig Geschichte.

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(SZ vom 23.05.2009/ihe)