Europa und die USA sind kriegsmüde. Das ist eine Chance, endlich über Mittel und Ziele des Afghanistan-Einsatzes zu diskutieren.
Auch nach acht Jahren ist die Situation in Afghanistan prekär; deshalb kündigte US-Präsident Barack Obama am 1. Dezember 2009 an, das amerikanische Truppenkontingent dieses Jahr um weitere 30.000 Soldaten auf dann fast 100.000 zu erhöhen. Und er forderte die europäischen Verbündeten auf, ihrerseits ihre Truppen zu verstärken.
US-Soldaten in Afghanistan (© Foto: AFP)
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Gleichzeitig gab der Präsident seine Absicht bekannt, 2011 mit dem Abzug der Kampftruppen zu beginnen. Die Essenz der überarbeiteten Strategie? Durch einen rapiden Anstieg der Truppenzahlen hofft der Präsident, wieder die Initiative in Afghanistan zu übernehmen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Afghanistan die Hauptverantwortung für seine Sicherheit selbst wahrnehmen kann.
Kann diese Strategie überzeugen? Mit Blick auf die Afghanistan-Konferenz am kommenden Donnerstag in London zeigte sich Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg kurz vor Weihnachten skeptisch: "Der erste logische Schritt eines neuen strategischen Ansatzes ist nicht der, dass man sagt, wir nehmen jetzt mehr Soldaten, und dann folgt die Strategie. Wir formulieren jetzt die Strategie, und aus der folgt, wie viele Truppen und Zivilkräfte man braucht."
Und obwohl keine ernsthafte Stimme etwas anderes behauptet hat, argumentierte der Minister weiterhin, "dass Afghanistan gerade wegen seiner Geschichte und seiner Prägung sich nicht als Vorzeige-Demokratie nach unseren Maßstäben eignet".
Dennoch muss der Zweck eines Krieges wenigstens in der Erreichung eines besseren Friedens liegen! Die Art der Kriegführung muss deshalb der Art des Friedens untergeordnet werden, den man sucht; und es ist das zentrale Merkmal einer Strategie, dass sie die eingesetzten Mittel in vernünftiger Weise mit den politischen Zielen verknüpft.
Genau hier hat die US-geführte Koalition in all den Jahren jedoch systematisch versagt. Seit Beginn des Afghanistankonflikts hat sie es versäumt, sich auf eine konsistente und konsensfähige Definition des Zielzustands "Sieg" zu verständigen. Und selbst wenn sie sich nun darauf einigen könnte, fehlt den gegenwärtigen Debatten über Truppenstärken, Aufstandsbekämpfung, "vernetzte Sicherheit", Trainingsmissionen, zivil-militärische Ansätze und Ausstiegsszenarien ein Verständnis der kausalen Zusammenhänge zwischen vorgeschlagenen Mitteln und gewünschten Zielen.
Bischöfin Margot Käßmann hat recht: Die Koalition könnte noch mehr tun, um den Frauen in Afghanistan zu helfen. Aber wie können wir sicherstellen, dass die Mittel, die wir zu diesem Zweck einsetzen, nicht zu verstärktem Widerstand aus anderen Teilen der afghanischen Gesellschaft führen, sowie zu einer höheren Bereitschaft, die Taliban zu unterstützen?
Auch der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe (Isaf), General Stanley McChrystal, liegt sicherlich richtig, wenn er seinen Soldaten sagt: "Unser Sieg wird nicht davon abhängen, wie viele Taliban wir töten können, sondern davon, wie gut wir die Aufständischen vom Zentrum des Geschehens trennen können - den Menschen."
Aber wie bekommen wir die Menschen dann dazu, Herrschaft und damit Vorgaben aus Kabul zu akzeptieren? Wie wird eine Truppenerhöhung zur Versöhnung zwischen rivalisierenden Stämmen und Warlords beitragen und die Re-Integration gemäßigter Taliban in die Politik fördern? Können wir sicher sein, dass der frustrierende Stillstand auf eine unzureichende Zahl an Soldaten zurückzuführen ist - und nicht auf Fehler in der strategischen Logik, nach der Truppenkontingente zum Erreichen politischer Ziele führen sollen?
Es gibt eine übermäßige Konzentration auf die Zerschlagung von al-Qaida und radikaler Taliban - ohne dass dabei ein Gedanke an die politischen Folgen dessen verschwendet würde. So besteht die Gefahr, einen taktischen Sieg um den Preis einer strategischen Niederlage zu erreichen.
Angenommen, die Koalition erreicht ihr gegenwärtiges Ziel, bis zum Oktober nächsten Jahres 170.000 afghanische Soldaten und 134.000 Polizisten auszubilden, würde dann ein schneller Abzug der Allianz und die Übertragung der gesamten Verantwortung auf die Regierung in Kabul innenpolitische Stabilität erzeugen, sofern es dort dann kein System der Gewaltenteilung, der checks and balances, gibt?
Die vom Krieg zerrissene afghanische Gesellschaft braucht einen breiten politischen Versöhnungsprozess. Ein "Frieden", der durch eine zu schnelle Übertragung der hoheitsrechtlichen Aufgaben auf einen schwach institutionalisierten, aber personalstarken Militär- und Polizeiapparat entstünde, trüge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits die Saat für die nächste Phase des Bürgerkriegs in sich.
Oder schlimmer: Eine paschtunisch geführte Regierung in Kabul mit einer stärkeren Armee könnte weniger (anstatt mehr) bereit und fähig sein, jene schwierigen Entscheidungen zu treffen, die nötig sind, um zu einem Umgang mit Pakistan zu kommen, der die regionale Stabilität gewährleistet.
Dass Afghanistan in seinem regionalen Kontext betrachtet werden muss, ist überall akzeptiert. Jedoch hat bisher niemand die Konturen einer tragfähigen regionalen Sicherheitsarchitektur artikuliert, die die Ziele des Engagements dort unterstützen würde: ein politisch stabiles und militärisch sicheres Afghanistan, die permanente Überwachung und Unterbindung terroristischer Ausbildungsaktivitäten sowie des Drogenhandels, und, vielleicht am wichtigsten, die Überführung langwährender ethnischer, religiöser und grenzbezogener Konflikte in einen institutionalisierten politischen Prozess, in dem sie ohne Gewalt bewältigt werden können.
Verblüffenderweise fehlt außerdem eine nachhaltige Anstrengung, die wichtigsten regionalen Mächte - neben Pakistan gehören auch Indien, Russland, China und Iran dazu - in die Errichtung dieser Architektur miteinzubeziehen.
Die Herausforderungen, vor denen die Allianz in Afghanistan steht, bleiben groß. Noch größer ist die Gefahr, dass die innenpolitische Erschöpfung Politiker verleitet, einer starken Versuchung nachzugeben: nämlich einfach davonzulaufen. Die Folgen für die Region und die Allianz wären verheerend.
Und doch liegt in der Kriegsmüdigkeit die Chance, die versäumte Strategiediskussion endlich nachzuholen. Krieg ist in der Tat ein Gegner der Vernunft, aber in London müssen wir unsere Ambitionen und Leidenschaften im Dienste eines klugen Friedens der Vernunft unterwerfen.
James W. Davis, Jahrgang 1963, ist Professor für Internationale Politik und Direktor des Instituts für Politikwissenschaft der Universität St.Gallen.
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(SZ vom 23.01.2010/bavo)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
und Afghanistan hat auch kein Land angegriffen.
Jetzt davon zu sprechen "Krieg für Frieden" ist doch wohl Volksverarsche...
Krieg haben erst die USA und ihre Vasallen über Afghanistan gebracht.
Schade, dass unsere Medien keine kritischen Worte mehr finden und nur noch "Mainstream" sind...
Auch das ist ein Verfall der Demokratie...
Oder habe ich Hegel falsch interpretiert?
.... wie Geschlechtsverkehr für die Jungfräulichkeit!
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Zu befürchten ist aber , dass Sie die Adressaten überfordern . Die Chance , dass Big Rambo und seine treuen Vasallen jetzt das nachholen und nach-denken , was Sie , Professor , vor-gedacht haben , ist gering , die Umsetzung noch unwahrscheinlicher . Wahrscheinlich ist , dass die Nato-Friedensbringer ,Demokratieverbreiter und Menschenrechtsbomber irgendwann so tumb aus Afghanistan rausstolpern werden wie sie reingestolpert sind . Möglicherweise etwas weniger großspurig .
Trösten wir uns derweil : das Gute kann ja nicht immer seiegen ;-)) ...
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