Von Thomas Becker

Wenige Wochen vor dem Treffen der mächtigsten Staatenlenker wissen viele Anwohner immer noch nicht, wie sie sich Anfang Juni während des dreitägigen Ausnahmezustands verhalten sollen - und dürfen. Mit Videos

Die Eisverkäuferin? Weiß gar nichts. Der Besitzer der Imbissbude? Will überhaupt nichts sagen, schimpft dann laut und ausdauernd, glaubt aber nicht, dass er Currywurst & Co. verkaufen wird. Und auch im Cafe im Alten Golfhaus hält sich die Auskunftsbereitschaft in Sachen G8-Gipfel in sehr engen Grenzen. "Der Geschäftsführer meint, dass wir dazu gar nichts mehr sagen", heißt es mit einem Achselzucken.

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Lediglich am Bahnhof, wo die dampfbetriebene Schmalspurbahn "Molli" seit mehr als 120 Jahren die aus Bad Doberan oder Kühlungsborn kommenden Touristen ausspuckt, gibt sich der ein oder andere gesprächiger: Der Lokführer weiß nicht, ob er arbeiten muss, der Bahnhofsvorsteher meint, dass die Bahn an den besagten Tagen nicht fahren wird, und die Bahnhofsrestauration stellt sich vorsichtshalber schon mal auf hungrige Journalisten und Sicherheitsmänner ein. Aber: Wer wann und wie rein darf in die Sicherheitszone, ist offenbar noch nicht raus. "Da haben wir von den Behörden noch keine Informationen" ist ein oft gehörter Satz in diesen Tagen.

Es sind nicht viele Menschen, die in Heiligendamm leben und arbeiten. Etwa die Hälfte der knapp 400 Einwohner verdient ihr Geld im Grand Hotel, dem Zentrum und Ursprung des exklusiven Badeorts. Es gibt keine Läden, keine Kneipe, keine Geschäfte, nicht mal eine Tube Zahnpasta kann man hier kaufen. Der Ort besteht praktisch nur aus dem klassizistischen Gebäude-Ensemble, der "Weißen Stadt am Meer" - und den Weiterungen: Eiscafe, Würstelbude, ein paar kleine Pensionen und kostenpflichtige Parkplätze.

Viele Menschen dort wirken genervt. Von den seit Monaten herumstreunenden Reportern. Von der oft "schlechten Presse". Von der omnipräsenten Polizei-Armada. Vom bundesweiten Ärger über die horrenden Kosten, die das Treffen verursacht. Von den unschönen Bildern des zwölf Kilometer langen Sicherheitszaunes. Von der "Ehrenbürger-Hitler-Debatte", die die Nachbargemeinde Bad Doberan kürzlich erwischte.

Volkes Stimme klingt einmütig. Eine Touristin spricht für viele und schimpft über "die unheimliche Verschwendung von Steuergeldern. Die sollten sich lieber einbunkern. Die müssen sich doch nicht ständig treffen, die können doch eine Medienkonferenz machen. Das wäre viel billiger."

Nur selten trifft man Menschen, die der ganzen Sache positiv gegenüber stehen - und das auch sagen. Bernhard Hildebrandt ist so einer. Mit seiner Frau betreibt er eine kleine Pension, nur ein paar Minuten sind es bis zum Strand. Vor kurzem standen da auch noch 19 Bungalows, doch bis auf einen sind die jetzt alle weg. Plattgemacht zugunsten eines Parkplatzes. Die Hildebrandts finden das prima: "Die alten DDR-Dinger waren eh nicht mehr rentabel", sagt Elke Hildebrandt. Und dann erzählt ihr Mann, wie sie alle vom oft geschmähten G8-Gipfel profitieren: neue Autobahn-Ausfahrt von der A 20, neuer Asphalt plus Beleuchtung für die Ortsdurchfahrt, neuer Fußweg an der Deichstraße, DSL-Leitungen gab es bisher auch noch nicht und "überhaupt: die ganze Infrastruktur. Wir hatten ja noch Analog-Anschluss. Ohne den Gipfel wäre der Umbau sicher nicht so schnell passiert".

Und es geht ja noch weiter: "Heiligendamm ist ja noch ausbaufähig. Was da so alles gebaut werden soll", sagt Hildebrandt, "Thalasso-Zentrum, Ayurveda-zenrtum, chirurgische Klinik - wenn all diese saisonverlängernden Maßnahmen greifen, werden noch viel mehr Gäste kommen." Sein Haus ist ausgelastet, seit vielen Wochen schon, "und zur Nachbereitung haben auch schon einige bei uns gebucht".

Der Zaun stört ihn nicht weiter. "Wie wollen sie denn die aufhalten? Da ist dieser technisch gut durchdachte Zaun schon eine gute Hilfe. Und wir wollen auch nicht von 100.000 Mann überrannt werden."

Sein Kollege ein paar Meter weiter sieht das etwas anders. Martin Kolb ist seit März Direktor des Kempinski Grand Hotels Heiligendamm. Mit dem ehrgeizigen Ziel, innerhalb von zwei Jahren die Auslastung von derzeit 40 bis 45 Prozent auf 55 bis 60 Prozent zu steigern, hat er seine Arbeit aufgenommen. Die Ausrichtung des G8-Gipfels verschafft dem Hotel weltweit Beachtung, was sich auch schon in konkreten Anfragen niederschlägt.

Doch seit Monaten drückt der Sicherheitszaun und die Berichterstattung darüber auf die Buchungszahlen. Foto-Montagen in mehreren Tageszeitungen ließen den Eindruck entstehen, dass der Zaun in unmittelbarer Nähe des Hotels errichtet wird - was nicht der Fall ist. Der Hotelgast hört und sieht nichts davon. Dennoch hagelt es Absagen: "Es rufen mich Gäste an und fragen: Kommen wir denn überhaupt hin zum Hotel? Brauchen wir einen Ausweis?"

Bewegte Tage für den Hotelchef. Hohe Flexibilität ist jetzt und erst recht während des Gipfels gefordert. Aus Sicherheitsgründen dringt wenig Information über das zu erwartende Leben und Arbeiten der Staats-Chefs in Heiligendamm bis zu ihm vor - und von dem wenigen darf er fast gar nichts erzählen. Nur, dass US-Präsidnet Bush bei seinem Besuch im vergangenen Jahr in der Burg Hohenzollern nächtigte, ist ihm zu entlocken. Doch wo welcher Staatenlenker Anfang Juni sein Haupt zur Nachtruhe betten wird, darüber hüllt sich Hotel-Chef Kolb in Schweigen. Vielleicht weiß er es auch selbst noch nicht.

Video: Kamera: Tom Kimmig, Schnitt: Marcel Kammermayer, Redaktion: Thomas Becker

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(sueddeutsche.de)