Vollversammlung Tonlage verstimmt Bischöfe

"Die christliche Identität besteht darin, mit den Schwachen zu empfinden", sagte Kardinal Reinhard Marx zu Beginn des Treffens der Bischöfe in Fulda.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Kardinal Marx sorgt sich zu Beginn der Bischofskonferenz über wachsende Aggressionen und die Worte des CSU-Generalsekretärs.

Von Matthias Drobinski, Fulda

Dass Deutschlands katholische Bischöfe mal dieses Transparent aufhängen lassen würden, hätte vor fünf Jahren kaum einer gedacht. "Angesichts der Tragödie Zehntausender von Flüchtlingen ruft uns das Evangelium auf, ja es verlangt geradezu von uns, Nächste der Geringsten und Verlassenen zu sein", steht da, und: "Die christliche Hoffnung ist kämpferisch." Starke Worte, immerhin vom Chef der 66 Erzbischöfe, Bischöfe und Weihbischöfe, die sich in Fulda versammelt haben; der Satz stammt von Papst Franziskus. Dass er nun als Statement da hängt, zeigt: Schon lange nicht mehr waren die Themen der Versammlung so politisch, standen die Kirchen so direkt in den politischen Auseinandersetzungen des Landes.

Kardinal Reinhard Marx tritt auf, der Münchner Erzbischof und Vorsitzende der Bischofskonferenz. Es ist ja schon ein Symbol, sagt er, das man sich in Fulda am Grab des Heiligen Bonifatius treffe, einem der Väter Europas. "Wir Bischöfe sind Europäer, Weltbürger", sagt Marx, deshalb dürfe ihnen die Welt nicht gleichgültig sein. "Wir können den Menschen, die fliehen, nicht den Rücken zukehren", sagt der Kardinal, der Satz ist ihm so wichtig, dass er ihn gleich wiederholt.

Die Position der Bischöfe in der Flüchtlingsdebatte steht fest, macht Marx klar: Wer an die Grenze komme, müsse menschlich behandelt werden und ein faires Verfahren bekommen; er dürfe nicht in Gefahr und Verfolgung zurückgeschickt werden. Es hat, auf das wird zu Beginn der Bischofsversammlung deutlich, in diesem Jahr der Flüchtlingskrise vor allem das Verhältnis zur CSU gelitten. Was Marx von der Äußerung des CSU-Generalsekretärs Andreas Scheuer halte, dass ein "fußballspielender, ministrierender Senegalese" kaum noch abzuschieben sei? Erwartungsgemäß hält Marx gar nichts davon, "weil hier eine Tonlage in die Debatte kommt die nicht hilfreich ist", eine "Tonlage des Abschottens", die auch viele Einwanderer verletze, die schon länger hier lebten. Und das mache vieles von dem Guten kaputt, das im vergangenen Jahr an Hilfsbereitschaft und Engagement entstanden sei.

Auch der Studientag am Dienstag widmet sich einem gesellschaftlichen Thema; es geht um "Armut und Ausgrenzung als Herausforderung für die Kirche und ihre Caritas". Das Thema ist durchaus ein Statement: Wir kümmern uns auch um die Armen unter den Alteingesessenen. Marx möchte das Thema um eine Wohlstandsdebatte erweitert sehen: "Was brauchen wir zum Leben?" "Materieller Wohlstand alleine ist nicht zukunftsfähig", sagt er.

Es gibt eine neue Bibelübersetzung, die Bischöfe werden weiter über ihr Hirtenwort zu Ehe und Familie beraten, zahlreiche Kommissionen sind neu zu besetzen, der Generationenwechsel in der Bischofskonferenz ist im Gange. Dieses Treffen aber wird von der Frage bestimmt, wie die katholische Kirche sich positioniert in diesem Land, dem Marx eine gewisse Nervosität und Aufgeregtheit bescheinigt. Letzte Frage, Herr Kardinal, ruft ein Journalist: "Was halten Sie vom Abschneiden der AfD in Berlin?" Ach ja, sagt der Kardinal, natürlich dürfe man nicht die AfD-Wähler pauschal verurteilen, aber Sorgen mache er sich schon, über die wachsenden Phobien, Aggressionen. "Die christliche Identität besteht darin, mit den Schwachen zu empfinden", sagt er, "nicht darin zu sagen: Wir zuerst".