Volkskrankheit Depression Wenn das Leben still steht

Wo kommt sie her? Wen befällt sie? Warum wirken die Mittel so unterschiedlich? Auf der Suche nach Antworten für die unerklärliche Schwermut.

Von Von Karin Steinberger

(SZ vom 20.2.2004) - Fangen wir bei Oliver Pogarell an. Bei ihm verliert die Sache ein wenig von ihrem Schrecken. Denn er löst das Unerklärliche in kleine, bunte Hirnscheiben auf, macht sich auf die Suche nach Botenstoffen, Serotoninrezeptoren, Aktivierungssignalen. Er versucht herauszufinden, was eigentlich los ist da oben, im Kopf, in all den synaptischen Spalten zwischen all den Nervenzellen. Oliver Pogarell sitzt in seinem Büro zwischen Leitzordnern und kleinen Schachteln, auf denen Begriffe stehen wie Depression, Zwang, Lithium oder EEG-Befunde bei Epilepsie. Es hat etwas Beruhigendes, diese Dinge eingeschachtelt und abgelegt zu sehen. Das macht sie zur Krankheit - benennbar, behandelbar. Pogarell arbeitet sich von oben heran an das Problem. Sein Bereich ist das Gehirn. Dort sucht er, nach Zeichen, nach Ursachen, nach Antworten. Er sucht nach den Spuren der Schwermut.

Lauter kleine Schmetterlinge

Pogarell ist Arzt für Neurologie in der Psychiatrischen Klinik, Nußbaumstraße, München. Auf seinem Computerbildschirm leuchtet ein Schädelquerschnitt. Grün, gelb, rot, orange sind die Muster im Kopf. Lauter kleine Schmetterlinge. Fast nett sieht hier aus, was die Menschen im Hinterhaus, in der Depressionsstation C1, versteinern lässt, was sie aus ihrem Leben reißt in einen finsteren Tunnel hinein. Tage, Wochen, manchmal Jahre. Ausgelieferte eines Zustandes, den sie gefühlte Gefühllosigkeit nennen oder tränenlose Trauer. Etwas scheinen diese bunten Kleckse zu sagen über die Krankheit, die diese Menschen angesprungen hat und die es ihnen unmöglich macht, sich die Zähne zu putzen, zu essen, zu lachen, weiterzuleben. Aber was?

Im Hexenkessel

Pogarell ist auf der Suche. Er ist dem Serotonin und dem Noradrenalin auf der Spur und den Gründen dafür, warum bei vielen depressiven Menschen bestimmte Nervenzell-Schaltkreise weniger aktiv sind als bei gesunden. Er ist auf der Suche nach den Ursachen für einen Zustand, den der amerikanische Schriftsteller William Styron so beschreibt: "Und weil kein Lüftchen weht in diesem Hexenkessel und es kein Entrinnen gibt aus diesem stickigen Gefängnis, ist es nur zu verständlich, dass das Opfer unablässig darüber nachdenkt, wie es sein Bewusstsein ausschalten kann." Oliver Pogarell klickt herum zwischen Bildern der Single-Photon-Emissions-Computer-Tomografie und Diagrammen des Elektroenzephalogramm-Tests (EEG), er spricht von Antworten, die das Gehirn sendet, wenn er ihm bestimmte Töne schickt.

Quälendes Ausprobieren

Es ist eine Arbeit im Ungefähren, ein langsames Sich-Vorarbeiten ins Zentrum der Emotionen- ins limbische System. "Man ist in vielen Bereichen noch am Anfang. Bislang ist es mehr ein Ausprobieren. Aber wir haben ein ganzes Arsenal von Medikamenten, die gut wirken. Jetzt suchen wir nach einer Methode, mit der wir das Ansprechen bestimmter Medikamente voraussagen können", sagt Pogarell. Denn bislang ist die Behandlung der Depression ein quälendes Ausprobieren. Niemand weiß, warum ein Antidepressivum bei dem einen anspricht, bei dem anderen nicht.

Also testet man, wartet man, hofft man. MAO-Hemmer, trizyklische Antidepressiva, selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, so heißt die Hoffnung. Unterstützt von Psychotherapie, Verhaltenstherapie, Wachtherapie, Lichttherapie, Elektrokrampftherapie, progressiver Muskelentspannung nach Jacobson, Ergotherapie. Es gibt viele Arten, gegen die Krankheit anzukämpfen. Gegen die Vorurteile gibt es noch nicht so viel.

Kreuzworträtsel in der Nacht

Während Pogarell sich also von oben heranmacht an die Depression, kämpfen sie in Station C1 auf Augenhöhe und an mehreren Fronten. Gegen die Krankheit, die Müdigkeit, die Vorurteile. Denn Depression, das ist für viele etwas zwischen Schnupfen und Einbildung. Auf C1 haben sie nichts vorzuzeigen, kein gebrochenes Bein, kein Krebsgeschwür, nichts, meist sieht man ihnen ihre Qualen nicht an. Und Depression ist ein inflationär gebrauchter Begriff, depressive Phasen kennt jeder, jedem geht es mal schlecht. Dann heißt es halt - zusammenreißen.

Es ist 1.30 Uhr nachts. Die Zeit, in der sie in C1 ihren Körper austricksen. Sie ziehen sich an, frühstücken, gehen spazieren, lösen Kreuzworträtsel: Oper von Verdi, vier Buchstaben, Aida, Stadt in Indien, vier Buchstaben, Agra. Jedes Wort ein kleiner Sieg. Als gäbe es keine Nacht, keinen Schlaf. Alles ist besser als das stundenlange Grübeln im Bett, dieses Denken an nichts Bestimmtes, nur an Negatives, man verheddert sich, es endet immer im Chaos.

Sie werden geweckt, mitten in der Nacht, bevor der Körper anfängt, jene Überträgerstoffe auszuschütten, die das Ungleichgewicht der Botenstoffe hervorrufen. Zwei Frauen, ein Mann. Wachtherapie, Schlafentzug. Hilft nicht bei allen. Der Mann liest. Eine der Patientinnen sitzt da, stumm. Die andere löst ein Kreuzworträtsel nach dem anderen. Das hilft, um wieder an den eigenen Verstand zu glauben. Sie sagt, beim letzten Mal sei der Tag danach Befreiung gewesen, nach Monaten der erste normale Tag, wie vor der Depression. Es hält nicht lange an. In der Nacht darauf erholt sich die Krankheit, sammelt Kräfte in der Dunkelheit. Am Morgen schlägt sie wieder zu, dann sitzen sie beim Frühstück, weinen und schweigen. Sie haben einen Namen für die Qualen der Nacht - zerhackter Schlaf.

Ignoranz durchbrechen

Am Abend nach der Wachtherapie gehen sie in ihre Zimmer, an deren Türen man die Griffe schräg nach unten montiert hat. Damit sich keiner aufhängt. Mehr als 7 000 Depressive nehmen sich jedes Jahr in Deutschland das Leben. Die Zahl der vereitelten Selbstmorde liegt weit darüber. Die Weltgesundheitsorganisation zählt depressive Störungen zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen weltweit. Allein in Deutschland leiden mehr als vier Millionen Menschen daran. Jede vierte Frau kommt im Lauf ihres Lebens in einen Zustand, den der Facharzt als Depression diagnostiziert. Mit dem Kompetenznetz Depression (www.kompetenznetz-depression.de) versucht man, die Ignoranz zu durchbrechen und für eine bessere Versorgung der Patienten zu sorgen.

Doch die Dinge ändern sich nur langsam. Für viele Männer ist Depression immer noch ein Mangel an Selbstdisziplin. "Okay, Männer. Gut. Lasst es uns nicht Depression nennen, sondern ein freudloses Leben. Aber lasst uns aufhören, so zu tun, als sei alles in Ordnung", stand vor kurzem in der Zeitschrift Newsweek. Die Kosten für diese Verdrängung seien enorm. Männer seien nur halb so oft depressiv, begingen aber vier Mal so häufig Selbstmord wie Frauen.

Panikattacken im Stundentakt

Es ist also schon ein Sieg, dass Holger Reiners noch lebt. Er war 17 Jahre alt, als es anfing. Zwanzig Jahre lang war er krank. Zwanzig Jahre "in den Fangarmen der Depression", wie er sagt. Jetzt ist er gesund und wütend. Er geht die Sache frontal an: "Wir Männer sind ja immer noch Jäger und in unserem männlichen Verhalten auf die dümmlichste Weise erfolgsorientiert. Da ist diese Krankheit natürlich besonders bedrohlich. Weil sie das Prinzip Hoffnungslosigkeit symbolisiert, damit kann keiner umgehen", sagt er und erzählt von Panikattacken im Stundentakt, von Blumengeschenken, gut gemeint, aber ein Schlag ins Gesicht für einen, der ihre Schönheit nicht ertragenkann, von der Sonne, die mit ihrer Kraft nur eine Botschaft hat für Depressive: Du bist nicht dabei. "Wenn es eine Hölle gibt, kann sie grauenvoller nicht sein", sagt er. Und meint damit nicht nur die Krankheit, auch die Krankengeschichte.

Bei ihm war es eine Odyssee durch schicke Arztpraxen. Die meisten Hausärzte hatten gar keine Ahnung und "geradezu vorchristliche Vorurteile gegen Antidepressiva". Sie haben ihn ausgependelt, ihm Beruhigungstabletten gegeben, ihn gemaßregelt. "Es ist ein Irrsinn, den man da durchläuft. Und man ist als Depressiver wie weiches Wachs in ihren Händen", sagt er. Dann ist Stille. Er hat ein Buch geschrieben, "Das heimatlose Ich". Wenn er es noch einmal schreiben würde, sagt er, würde er mit den Ärzten härter abrechnen.

Hälfte aller Depressionen bleibt unerkannt

Die Hälfte aller Depressionen bleibt unerkannt, obwohl ein Arzt aufgesucht wurde. Im Durchschnitt dauert es sieben Jahre, bis ein depressiver Patient sich überhaupt in fachmännische Behandlung begibt. "Depression ist eine Krankheit, die keinen interessiert, damit können sie keinen Nobelpreis gewinnen", sagt Reiners. Nur manchmal interessiert man sich für sie, wenn es einen Berühmten trifft, einen Siegertypen, einen, zu dem all das nicht passt, die Minderwertigkeitskomplexe, die Schuldgefühle. Den Fußballer Sebastian Deisler, den Politikersohn Max Strauß, den Radfahrer Marco Pantani. Dann liest man wieder Artikel über Depressionen. Dann gibt es sie für kurze Zeit. Sie, die Depressiven, allgegenwärtig, aber nicht vorhanden.

Überfallen von der Krankheit

So wie Siegfried Schreiber, der im Stillen hilft. Er hat sich hochgearbeitet, hat sich befreit von der Krankheit, die ihn überfiel, am helllichten Tag. Plötzlich war die Hölle los in seinem Kopf. Bilder überschwemmten ihn. Bilder von Särgen und Toten. Kinder, Frauen, irgendwann lag er selbst drin, im Sarg, die Hände über der Brust gefaltet, sah aus wie der Vater am Totenbett. Seiner eigenen Leiche begegnete Siegfried Schreiber beim Radfahren, irgendwo zwischen Villingen und Pfaffenweiler. Es war ein Pfingstsonntag, ein schöner Tag. Im Nachhinein würde er ihm die Note 6 geben. Ein Selbstmordtag.

Siegfried Schreiber sitzt da, in der Wohnung seiner Tochter in München. Seitdem er seine Krankheit im Griff hat, ist er unterwegs in Sachen Depression, hält Vorträge, führt Beratungsgespräche. "Damals hat sich mein Denken verändert, es war nicht mehr fließend. Da wusste ich, mit mir stimmt was nicht", sagt er, sechs Jahre lang schwer depressiv, acht Selbstmordversuche, seit sechs Jahren ein glücklicher Mensch. Weit weg ist die Panik, die ihn überfiel, wenn die Frau später nach Hause kam: Da sei in ihm ein Film abgelaufen. Blaulicht, Martinshorn, sie liegt da, blutüberströmt. Exitus. Dann hat er angerufen, Polizei, Krankenhaus, ob es einen Unfall gegeben habe. Hat alle verrückt gemacht. Vor allem seine Frau. Für sie waren das Kontrollanrufe. Für ihn die nackte Angst.

Lieber Migräne als Depression

Die erste Diagnose lautete vegetative Dystonie - eine klassische Verlegenheitsdiagnose, passt für alles. Der zweite Arzt hat vier Jahre lang herumexperimentiert. "Pillenroulette" nennt Schreiber das. Erst etwas gegen die Schlaflosigkeit, dann was zum Aufputschen, dann dauert es mehrere Wochen, bis man überhaupt merkt, ob und wie ein Antidepressivum wirkt. In irgendeiner Klinik haben sie ihm ein Mittel gegen Schizophrenie gegeben. Schreiber ist immer wieder entsetzt, wenn er sieht, wie viele in den falschen Händen sind und wie viele ihre Medikamente einfach absetzen, sobald es ihnen ein bisschen besser geht. Die Diagnose Migräne ist ihnen lieber als Depression. Also erzählen sie dem Arzt von Schlafstörungen, Kopfdruck, von Verstopfung und Übelkeit. Nichts von ihren Versagensängsten, der Verarmungspanik, den Selbstmordgedanken.

80 Prozent der Patienten befürchten berufliche und gesellschaftliche Nachteile, wenn ihre Erkrankung bekannt würde. Also schweigen sie. Und pflegen die eigenen Vorurteile. Bei Elektrokrampftherapie denken sie selber an sedierte Irre, an diese Einer-flog-übers-Kuckucksnest-Typen. Es gibt wenige seelische Störungen, die man so gut behandeln kann. Aber es gibt nur wenige, die so selten richtig behandelt werden.

Die Narbe am Hals

Siegfried Schreiber testete die Welt auf Suizidtauglichkeit, während man ihn falsch behandelte: Er kaufte ein Seil, rutschte ab; versuchte es mit dem Bademantelgürtel, der Ast brach; saß am Bahndamm, da wurde ihm das Warten zu lang; stand auf der Brücke, und Freunde sprachen ihn an; schmiss den Fön in die Badewanne, doch "außer einem großen Zittern ist nichts passiert". Alles ungeplant, alles dilettantisch. "Zu blöd zum Selbstmord." Beim letzten Versuch hat er sich ein Jagdmesser in die Kehle gerammt, drei Mal. Über die Narbe an seinem Hals legt sich sachte eine Falte.

Heute hält Siegfried Schreiber Vorträge zum Thema Logistik des Suizids. "Man will sich nicht umbringen, man will nur die Depression beenden. Aber der Leidensdruck ist zu groß. Und immer das Gefühl: Jetzt wirst du wahnsinnig. Das ist unvorstellbar", sagt er. "Da ist diese innere Stimme, da steckt noch einer in dir, der drängt dich förmlich: Am besten bringst du dich um. Jetzt tu es endlich. Die Stimme ist immer da, immer, wie ein Navigationsgerät im Auto. Aber es ist keine freundliche Damenstimme. Zweite rechts, jetzt bringst du dich um." Schreiber lacht. Er lacht viel.

Hören wir also bei Siegfried Schreiber auf. Denn auch bei ihm verliert die Sache ein wenig von ihrem Schrecken. Er schluckt das Unerklärliche einfach herunter. "Ich hab so viel Glück gehabt, das ist der Wahnsinn", sagt er, die Tabletten in der Hand, die ihm das neue Leben geschenkt haben: Anafranil und Quilonum retard/Lithium. Fleischfarben und weiß leuchten sie. Es ist ihm egal, was los ist da oben, im Kopf, was sie treiben, die Botenstoffe und Serotoninrezeptoren. Er will nur, dass sie nie wieder zurückkommen, die Spuren der Schwermut. Nie wieder. "Wenn es so weit ist, in der Totenstarre, bitte ich darum, auch wenn sich die Zähne schwer aufbiegen lassen, dass sie mir eine Lithium und eine Anafranil hineinschieben. Zur Sicherheit."