Als der CSU-Abgeordnete Peter Gauweiler versuchte, mittels Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine deutsche Volksabstimmung über die EU-Verfassung zu erzwingen, kam die Klage nicht mehr zum Zuge - weil schon Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden der EU-Verfassung den Garaus gemacht hatten. Im Jahr 2009, im Urteil zum Lissabon-Vertrag, bekam Gauweiler dann nachträglich recht: Zum Kern dieses Urteils gehören diejenigen Sätze, die allein dem Volk die Kraft zumessen, die Verfassung und Europa neu zu schöpfen: Auch nicht die allergrößte Koalition in Berlin, keine EU-Kommission und kein Europäischer Rat haben die Macht, Deutschland zum Teil eines europäischen Bundesstaats zu machen. Das kann nur das Plebiszit. Nur dieses kann das Grundgesetz ablösen und an seine Stelle eine EU-Verfassung setzen. So steht es im Artikel 146 Grundgesetz, so sagt es das höchste Gericht. Das Karlsruher Lissabon-Urteil bedeutete gewissermaßen auch die Wiedereinsetzung des Volks in seine Rechte.
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Das Plebiszit kann etwas Wunderbares sein, wenn es Ausdruck einer kollektiven Verantwortung für das Gemeinwesen ist. Dann ist es die Erfüllung der Demokratie. Das Plebiszit kann aber auch etwas Furchtbares sein, es kann die Demokratie zerstören, wenn sich die Egoismen addieren und Vorurteile gegenüber Minderheiten zuschlagen. Manchmal ist das Plebiszit ein guter Hirte, kümmert sich um neue Kindergärten und Umgehungsstraßen und um den Umweltschutz; es schreibt ihn, so wie einst in der Schweiz, mit Sorgfalt und großen Buchstaben in die dortige Verfassung. Ein andermal aber rüttelt es an den Grundfesten dieser Verfassung, weil es - wie bei der Schweizer Abstimmung gegen Minarette - im Namen der Mehrheit eine Minderheit kujoniert und sie der Rechte beraubt, die diese braucht, um als Minderheit in der Mehrheit zu leben.
Ein Volksentscheid ist kein Zaubertrank
Das Plebiszit ist nicht per se gut. Wenn eine Mehrheit der Bürger die Todesstrafe gutheißt, besagt das nicht, dass die Todesstrafe auch richtig ist. Mehrheit ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit Wahrheit, Richtigkeit und Verfassungsmäßigkeit. Das gilt im Parlament - das gilt auch für das Plebiszit. Die plebiszitäre Demokratie braucht deshalb, genauso wie die parlamentarische, ein Korrektiv, ein Kontrollorgan: das Verfassungsgericht.
Aus einem plebiszitären Grundrauschen, das nun schon eine Generation lang währt, ist mittlerweile eine kraftvolle Bewegung geworden. Aktive und ehemalige Verfassungsrichter, Professoren des Staatsrechts und auch immer mehr Politiker loben das Plebiszit - nicht als Wundermittel, aber als Medizin. Es geht nicht um Abstimmungsorgien, sondern nur um die Anreicherung des repräsentativen Prinzips durch plebiszitäre Elemente. Der Bürger- und Volksentscheid ist gewiss kein Zaubertrank, den eine Demokratie nur in sich hineinschütten müsste. Es ist ein Hilfsmittel. Jede Medizin hat Nebenwirkungen; wer geheilt werden will, muss sie in Kauf nehmen. Und es verhält sich mit Volksbegehren und Bürgerentscheid ebenso: Man muss sich Indikation und Dosierung genau überlegen. Bei alledem gilt: Wer eine lebendige Demokratie will, darf an den alten Bequemlichkeiten nicht festhalten. Er muss es mit Carlo Schmid halten - und an den Menschen glauben. Der Demokrat ist kein Rindvieh.
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(SZ vom 17. Juli 2010/mob)
Bundespräsident Gauck
Leider habe ich den Artikel erst sehr spät gefunden. Ich will gerne Wanderers Sorge um Interesse für dieses wichtige Thema etwas auf die Sprünge helfen.
Das größte Problem im Umgang mit diesem Thema besteht weiterhin - man muss sagen seit dem Beginn 1995 -, dass die Begriffe durchweg nicht richtig dargestellt werden.
Nicht nur Herr Prantl, sondern fast alle Journalisten und damit einhergehend auch die Leser, haben sich noch nicht wirklich kundig gemacht.
Das Produkt Volksgesetzgebung besteht nämlich aus drei Teilen: Volksinitiative, -begehren, -entscheid.
Herr Prantl hat die Dinge auch mehrmals so einfach nebeneinandergesetzt, dass damit nur Wirrwarr entstehen kann. Wenn er sich damit wirklich auseinandergesetzt hätte, dann wäre viele Meinungen der Schreiber in den vielen blogs dazu überflüssig geworden.
Denn das Ganze ist ein im Rechts- und politischen Leben großer Zusammenhang, den man nicht einfach auseinanderreißen darf, sonst wird er nur Objekt von Stimmungsmachern, die zumeist nur ihre festgefahrenen Gedanken haben, mit Folgen die wir dauernd erfahren.
Obwohl seit 1995 in Anwendung, hat man es in diesen 15 Jahren nicht geschafft den Bürgern Klarheit zu verschaffen. Das ist ein Großteil Schuld der damaligen Initiatoren (Mehr Demokratie), dass sie in ihrem Übereifer von dem - von den Erfindern (Intern. Kulturzentrum Achberg am Bodensee) vorgegebenen MUSS der Medienbedingung - abwichen. Die Folge war, dass bis heute die Presse sich mit der Thematik nur am Rande und dann zumeist populistisch gewidmet hat.
Das erzeugte diese Begriffsverwirrung bei den Menschen.
Denn von Achberg wurde es ja nicht einfach in die Welt gestellt, ohne eine klare wissenschaftliche Begründung dieser zeitgemäßen Forderung.
Es wurde methodisch erarbeitet was sich in geschichtlicher Hinsicht vorbereitet hat. Und das beginnt ja nicht bei erst im 20.Jahrhundert.
Aufklärung diesbezüglich täte not. Bisher läuft das eben leider nicht mit der Presse, weil diese sich weiterhin standhaft weigert von ihren Dogmen zu lassen. Einige sind in dem Artikel von Herrn Prantl auch wieder zu finden.
Ich kann ihn nur aufrufen sich einmal zu stellen. Nicht wie letztens in der Münchner Runde. Dort zeigte sich auch kein richtiges Geschichtsverständnis.
Wenn man bedenkt, dass das Volk diese Menschen zu seinen Vertretern ernennt, die sich dann wie Monarchen benehmen und uns wie Bittsteller betrachten, dann bedarf es zuallererst des mündigen Einzelnen in seinem kla
Dass die Todesstrafe durch Volksentscheid eingeführt werden könnte, war auch meine Sorge. Aber den Weg dahin haben unsere Parlamentarier jetzt auch ohne Volksabstimmung geebnet:
http://www.youtube.com/watch?v=vs6mFtR0Dzc
Ich denke, zu einer direkten Demokratie gehört auch eine verbesserte Informationsverbreitung, etwa ein unzensiertes Internet und mehr Mobilisierung wie in der Schweiz. Das eine kann das andere positiv beeinflussen: Wenn der Wähler weiß, dass seine Stimme so zählt, wie er sie abgibt, dann wird er sich auch mehr mit den Themen befassen.
Mich treibt das Thema schon seit langem um, spätestens seit der Plebiszit-Anlauf der Schröder-"Administration" am Nein der CDU/CSU im Bundesrat scheiterte. Für mich war das ein Schlag ins Gesicht der Demokratie. Ich war empört, aber noch empörter darüber, dass die Schwarzen in der nächsten "Sonntagsfrage" sogar noch zugelegt haben! Und hier sehe ich, dass bisher nur 7 Leser das Thema überhaupt für kommentarwürdig gehalten haben.
Ist das Interesse an diesem fundamentalen Thema so gering? Gibt es überhaupt eine Mehrheit, die ein Bundesplebiszit möchte? Oder ist es einfach viel bequemer, sich über "die da oben" aufzuregen und dabei zu seufzen, man könne ja doch nix dagegen machen? Und im gleichen Atemzug gefährliche Folgen der "Demokratiemüdigkeit" zu beschwören?
Das Plebiszit muss her, keine Frage. Aber wie schnell lässt sich aus dem fast entmündigten "indirekten" ein "direkter" Demokrat machen? Es wird seine Zeit kosten, dem deutschen Wähler wieder Verantwortungsbewusstsein für seine Staatsform einzutrichtern, ich hab da keine Illusionen. Imho sind ja schon die Nichtwähler, die ihr Verhalten zur "Tugend" erklären, weder "mündig" noch willens, politische Prozesse zu beeinflussen.
Dabei ist es statistisch bewiesen, dass Staaten mit Bundesplebiszit in vielen Bereichen sorgfältiger regiert werden, dass mit Steuergeld z. B. sehr viel vorsichtiger umgegangen wird, die Verschwendung sehr viel kleiner ist. Dass damit auch Steuerhinterziehung kein so großes Problem darstellt, weil man vertrauen darauf kann, dass man im entscheidenden Moment eben eingreifen kann.
Wenn dem Staatsbürger nicht schon in der Schule beigebracht wird: "Du bist der Souverän", à la Schweiz, wird es nachträglich sehr schwer sein, ihn zum aktiven Teilnehmer an der Politik zu machen.
Es ist höchste Zeit, die Diskussion darüber großflächig zu eröffnen, dass SPD, Grüne UND Linke sich äußern. Denn niemand wird so naiv sein zu glauben, dass mit Schwarz-Gelb darüber auch nur zu reden ist.
Es ist mit einem schweren Hindernislauf zu rechnen! Sind wir bereit dazu?
Die Väter und Mütter des Grundgesetzes habe vollkommen Recht gehabt bei ihrem Misstrauen gegen das deutsche Volk. Der letzte Volksentscheid in Hamburg hat erneut bewiesen, dass eine wissenschaftlich belegt bessere Lösung, zu welcher sich sogar die sonst zerstrittenen Fraktionen der Hamburger Bürgeschaft einigen konnten, durch Stimmungsmache und dem Schüren von Ängsten zunichte gemacht wurde. Zwar besteht die damalig reale Gefahr einer antidemokratischen Mehrheit in der deutschen Bevölkerung nicht mehr, dafür lassen sich durch die modernen Massenmedien viel leichter große Menschenmassen emotionalisieren und für partikularinteresse mobilisieren.
Das deutsche Volk hat bereits über Petitionen die Möglichkeit seine Meinung kund zu tun wenn die Politik sie ignoriert, auch bequem im Internet. Die e-Petition zu den Internetsperren ist dafür ein gutes Beispiel. Die Entscheidung sollte dennoch bei einer Instanz angesiedelt sein die in längeren Zeiträumen denkt. Zudem ist bei Volksentscheidungen kein Schutz für die unterlegene Seite - der Minderheit gegeben. Sie hat sie wie bei Rousseau geirrt und muss sich der Mehrheit bedingungslos unterwerfen.
Zuletzt bringen Volksentscheidungen großes Chaos in die Normenhirachie, da sie durch ihre Volksbestätigung theoretisch höher anzusetzen wären als das mittelbar legitimierte Grundgesetz.
Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hätten allen Gund gehabt, eher den politischen und sonstigen Eliten, als dem Volk zu misstrauen.
Die Faschisten erreichte bei freien demokratischen Wahlen nie die Mehrheit, er war Ende 1932 sogar auf dem absteigenden Ast.
Erst die Intervention der konservativen politischen Elite in Form von Herrn von Papen machte es möglich, dass ein Faschist Reichskanzler wurde. Ebenso verhalf die politische Elite zur Mehrheit des Ermächtigungsgesetz. Lediglich die SPD stimmte dagegen.
Aus diesen Erfahrungen spricht im Grund vieles für Volksentscheide, die aufklärerisch unterstützt müssen und nicht politisch missbraucht werden dürfen.
Ohje, noch ein Grund der politischen Elite zu misstrauen.
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