Hamburg stimmt über die Schule der Zukunft ab, Bayerns Bürger setzten das Rauchverbot durch: Bürgerbegehren und Volksentscheide bestimmen immer öfter die Politik. Sind wir vorbildliche Demokraten oder nur Stimmvieh?
Franz Josef Strauß selig, dessen 95. Geburtstag die CSU in Kürze feiert, war mit diesem Thema gleich fertig. So gern er ansonsten davon redete, dass man als Politiker dem Volk aufs Maul schauen müsse - für Volksabstimmungen hatte er nichts übrig. "Vox populi, vox Rindvieh" pflegte er zu sagen. Damals, das ist gut dreißig Jahre her, haben die Leute noch begeistert geklatscht, wenn man sie als Rindviecher bezeichnet hat. Die Zeiten sind vorbei. Die weiland Rindviecher wollen heute mitentscheiden: Sie haben, so fassen es die Parteienforscher in den Talkshows zusammen, "genug von ihren Politikern, aber Freude an der Politik". Diese Freude, manchmal ist es eine Lust, ist bisweilen kreativ und bisweilen destruktiv.
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Bürgerbegehren und Volksentscheide wollen immer öfter die Politik korrigieren. Nur: Ist das Volk überhaupt mündig? (© dpa)
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Sie bricht sich Bahn in Bürgerbegehren und Bürgerentscheiden, in Volksbegehren und Volksentscheiden. Bürger dringen auf bessere Kindergärten und Schulen, Bürger bringen Gesetze zu Fall und neue zuwege, Bürger legen ihr Veto ein gegen die Privatisierung von Wasser- und Stadtwerken, Bürger verhindern den Verkauf des kommunalen Abwasserkanalnetzes, Bürger stoppen den Bau von Hochhäusern und Einkaufspassagen, Bürger entscheiden über das Schicksal des alten Flughafens, Bürger lassen die Zusammenlegung zweier Bundesländer scheitern, Bürger überziehen das Land Bayern mit einem radikalen gesetzlichen Rauchverbot.
"Vox Rindvieh" oder "Stimmungsdemokratie"?
Nun dringen immer mehr Bürger darauf, nicht mehr nur in den Städten und Gemeinden und Bundesländern, sondern auch auf Bundesebene abstimmen zu können. Von der "Vox Rindvieh" traut sich freilich heute kein Politiker mehr zu reden. Der alte Argwohn der professionellen Politik gegen die Amateure hat jetzt neue Namen, Namen wie "Stimmungsdemokratie".
Gestern in Bayern für das Rauchverbot; heute, nämlich an diesem Sonntag in Hamburg, gegen die Schulpolitik aller Parteien: Es ist eine neue Bürgerwehr entstanden. Sie schleppt nicht mehr Spieße und Hellebarden mit sich herum; sie arbeitet mit Stimmzetteln. Die alte Bürgerwehr war ein meist unzulänglich ausgerüsteter Haufen zur Verteidigung der Städte und zur Einschüchterung von Störenfrieden, der aber dann in der demokratischen Revolution von 1848/49 besondere Bedeutung erlangte.
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Leider habe ich den Artikel erst sehr spät gefunden. Ich will gerne Wanderers Sorge um Interesse für dieses wichtige Thema etwas auf die Sprünge helfen.
Das größte Problem im Umgang mit diesem Thema besteht weiterhin - man muss sagen seit dem Beginn 1995 -, dass die Begriffe durchweg nicht richtig dargestellt werden.
Nicht nur Herr Prantl, sondern fast alle Journalisten und damit einhergehend auch die Leser, haben sich noch nicht wirklich kundig gemacht.
Das Produkt Volksgesetzgebung besteht nämlich aus drei Teilen: Volksinitiative, -begehren, -entscheid.
Herr Prantl hat die Dinge auch mehrmals so einfach nebeneinandergesetzt, dass damit nur Wirrwarr entstehen kann. Wenn er sich damit wirklich auseinandergesetzt hätte, dann wäre viele Meinungen der Schreiber in den vielen blogs dazu überflüssig geworden.
Denn das Ganze ist ein im Rechts- und politischen Leben großer Zusammenhang, den man nicht einfach auseinanderreißen darf, sonst wird er nur Objekt von Stimmungsmachern, die zumeist nur ihre festgefahrenen Gedanken haben, mit Folgen die wir dauernd erfahren.
Obwohl seit 1995 in Anwendung, hat man es in diesen 15 Jahren nicht geschafft den Bürgern Klarheit zu verschaffen. Das ist ein Großteil Schuld der damaligen Initiatoren (Mehr Demokratie), dass sie in ihrem Übereifer von dem - von den Erfindern (Intern. Kulturzentrum Achberg am Bodensee) vorgegebenen MUSS der Medienbedingung - abwichen. Die Folge war, dass bis heute die Presse sich mit der Thematik nur am Rande und dann zumeist populistisch gewidmet hat.
Das erzeugte diese Begriffsverwirrung bei den Menschen.
Denn von Achberg wurde es ja nicht einfach in die Welt gestellt, ohne eine klare wissenschaftliche Begründung dieser zeitgemäßen Forderung.
Es wurde methodisch erarbeitet was sich in geschichtlicher Hinsicht vorbereitet hat. Und das beginnt ja nicht bei erst im 20.Jahrhundert.
Aufklärung diesbezüglich täte not. Bisher läuft das eben leider nicht mit der Presse, weil diese sich weiterhin standhaft weigert von ihren Dogmen zu lassen. Einige sind in dem Artikel von Herrn Prantl auch wieder zu finden.
Ich kann ihn nur aufrufen sich einmal zu stellen. Nicht wie letztens in der Münchner Runde. Dort zeigte sich auch kein richtiges Geschichtsverständnis.
Wenn man bedenkt, dass das Volk diese Menschen zu seinen Vertretern ernennt, die sich dann wie Monarchen benehmen und uns wie Bittsteller betrachten, dann bedarf es zuallererst des mündigen Einzelnen in seinem kla
Dass die Todesstrafe durch Volksentscheid eingeführt werden könnte, war auch meine Sorge. Aber den Weg dahin haben unsere Parlamentarier jetzt auch ohne Volksabstimmung geebnet:
http://www.youtube.com/watch?v=vs6mFtR0Dzc
Ich denke, zu einer direkten Demokratie gehört auch eine verbesserte Informationsverbreitung, etwa ein unzensiertes Internet und mehr Mobilisierung wie in der Schweiz. Das eine kann das andere positiv beeinflussen: Wenn der Wähler weiß, dass seine Stimme so zählt, wie er sie abgibt, dann wird er sich auch mehr mit den Themen befassen.
Mich treibt das Thema schon seit langem um, spätestens seit der Plebiszit-Anlauf der Schröder-"Administration" am Nein der CDU/CSU im Bundesrat scheiterte. Für mich war das ein Schlag ins Gesicht der Demokratie. Ich war empört, aber noch empörter darüber, dass die Schwarzen in der nächsten "Sonntagsfrage" sogar noch zugelegt haben! Und hier sehe ich, dass bisher nur 7 Leser das Thema überhaupt für kommentarwürdig gehalten haben.
Ist das Interesse an diesem fundamentalen Thema so gering? Gibt es überhaupt eine Mehrheit, die ein Bundesplebiszit möchte? Oder ist es einfach viel bequemer, sich über "die da oben" aufzuregen und dabei zu seufzen, man könne ja doch nix dagegen machen? Und im gleichen Atemzug gefährliche Folgen der "Demokratiemüdigkeit" zu beschwören?
Das Plebiszit muss her, keine Frage. Aber wie schnell lässt sich aus dem fast entmündigten "indirekten" ein "direkter" Demokrat machen? Es wird seine Zeit kosten, dem deutschen Wähler wieder Verantwortungsbewusstsein für seine Staatsform einzutrichtern, ich hab da keine Illusionen. Imho sind ja schon die Nichtwähler, die ihr Verhalten zur "Tugend" erklären, weder "mündig" noch willens, politische Prozesse zu beeinflussen.
Dabei ist es statistisch bewiesen, dass Staaten mit Bundesplebiszit in vielen Bereichen sorgfältiger regiert werden, dass mit Steuergeld z. B. sehr viel vorsichtiger umgegangen wird, die Verschwendung sehr viel kleiner ist. Dass damit auch Steuerhinterziehung kein so großes Problem darstellt, weil man vertrauen darauf kann, dass man im entscheidenden Moment eben eingreifen kann.
Wenn dem Staatsbürger nicht schon in der Schule beigebracht wird: "Du bist der Souverän", à la Schweiz, wird es nachträglich sehr schwer sein, ihn zum aktiven Teilnehmer an der Politik zu machen.
Es ist höchste Zeit, die Diskussion darüber großflächig zu eröffnen, dass SPD, Grüne UND Linke sich äußern. Denn niemand wird so naiv sein zu glauben, dass mit Schwarz-Gelb darüber auch nur zu reden ist.
Es ist mit einem schweren Hindernislauf zu rechnen! Sind wir bereit dazu?
Die Väter und Mütter des Grundgesetzes habe vollkommen Recht gehabt bei ihrem Misstrauen gegen das deutsche Volk. Der letzte Volksentscheid in Hamburg hat erneut bewiesen, dass eine wissenschaftlich belegt bessere Lösung, zu welcher sich sogar die sonst zerstrittenen Fraktionen der Hamburger Bürgeschaft einigen konnten, durch Stimmungsmache und dem Schüren von Ängsten zunichte gemacht wurde. Zwar besteht die damalig reale Gefahr einer antidemokratischen Mehrheit in der deutschen Bevölkerung nicht mehr, dafür lassen sich durch die modernen Massenmedien viel leichter große Menschenmassen emotionalisieren und für partikularinteresse mobilisieren.
Das deutsche Volk hat bereits über Petitionen die Möglichkeit seine Meinung kund zu tun wenn die Politik sie ignoriert, auch bequem im Internet. Die e-Petition zu den Internetsperren ist dafür ein gutes Beispiel. Die Entscheidung sollte dennoch bei einer Instanz angesiedelt sein die in längeren Zeiträumen denkt. Zudem ist bei Volksentscheidungen kein Schutz für die unterlegene Seite - der Minderheit gegeben. Sie hat sie wie bei Rousseau geirrt und muss sich der Mehrheit bedingungslos unterwerfen.
Zuletzt bringen Volksentscheidungen großes Chaos in die Normenhirachie, da sie durch ihre Volksbestätigung theoretisch höher anzusetzen wären als das mittelbar legitimierte Grundgesetz.
Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hätten allen Gund gehabt, eher den politischen und sonstigen Eliten, als dem Volk zu misstrauen.
Die Faschisten erreichte bei freien demokratischen Wahlen nie die Mehrheit, er war Ende 1932 sogar auf dem absteigenden Ast.
Erst die Intervention der konservativen politischen Elite in Form von Herrn von Papen machte es möglich, dass ein Faschist Reichskanzler wurde. Ebenso verhalf die politische Elite zur Mehrheit des Ermächtigungsgesetz. Lediglich die SPD stimmte dagegen.
Aus diesen Erfahrungen spricht im Grund vieles für Volksentscheide, die aufklärerisch unterstützt müssen und nicht politisch missbraucht werden dürfen.
Ohje, noch ein Grund der politischen Elite zu misstrauen.
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