Völkermord-Prozess um Mladic Grinsender Kriegstreiber

Drei Jahre soll der Prozess gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Mladic vor dem UN-Tribunal dauern. Gleich zum Auftakt verhöhnt der Ex-General die Opfer - die Richter sind ratlos.

Von Ronen Steinke, Den Haag

Irgendwann im Laufe dieser quälenden zwei Tage hält es eine alte Frau nicht mehr auf ihrem Stuhl, sie ruft dem Angeklagten, der auf der anderen Seite einer Glasscheibe sitzt, etwas Wütendes auf Bosnisch zu. Und der - grinst. Er mokiert sich, äfft die Frau nach, formt mit seiner Hand einen plappernden Mund. Mehrere Kameras filmen das Geschehen im Jugoslawien-Tribunal, sie gehören den Vereinten Nationen und übertragen live ins Internet. Doch hier drehen sie ab.

Die Regie schaltet zu den drei regungslosen Richtern in rot-schwarzen Roben herüber, zu dem Ankläger, der sein Eröffnungsplädoyer ungerührt fortsetzt. So geht das stundenlang, man kann es über einen Fernsehmonitor im Gerichtssaal genau verfolgen. Der Angeklagte Ratko Mladic, der einstige General der bosnischen Serben, der in den neunziger Jahren mitten in Europa eine Hölle aus Mord und Vergewaltigung entfesselte, wird nur dann ins Bild hineingelassen, wenn er gerade nicht höhnt oder lacht oder in die Hände klatscht angesichts der Taten, die ihm hier vorgeworfen werden. Das ist selten.

Zwanzig Jahre liegt der Ausbruch des Krieges in Bosnien zurück. Mladic ist der letzte große mutmaßliche Kriegsverbrecher vom Balkan, der in diesem Gerichtssaal Platz nimmt. Viele seiner Verbündeten waren schon da. Der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milosevic nutzte diese Bühne, um mit staatsmännischer Geste über Historie zu dozieren. Auch der einstige Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, der zwischendurch als Wunderheiler Dr. Dabic untergetaucht war, hat hier seine Rückverwandlung in einen Politiker vollendet. Er erklärt seinen Richtern seit inzwischen zwei Jahren über die Ränder seiner Brille hinweg, wie es wirklich war.

Der bullige General Mladic war nie Politiker. Was er aber war und für viele Nationalisten auf dem Balkan geblieben ist, ist ein Volksheld, und wenn der grinst und feixt, dann könnten die Haager Richter versuchen, ihn zur Ordnung zu rufen, auf die Provokation den Eklat folgen lassen, in Großaufnahme vor großem Publikum. Sie entscheiden sich vorerst, ihn zu ignorieren. Als Mladic jemanden im Publikum fixiert und mit einer Geste ein Hals-Durchschneiden andeutet, lassen die Richter nur ins Protokoll aufnehmen: Mladic habe um eine Toilettenpause gebeten. So unterbrechen sie die Verhandlung für ein paar Minuten.

Der Ankläger, der Amerikaner Dermot Groome, erinnert an Sarajewo, die eingekesselte Stadt, die von Mladics Truppen mehr als dreieinhalb Jahre lang als Geisel genommen wurde. Er zeigt Videos, das ohrenbetäubende Dröhnen der Artilleriegeschosse, das lautlose Lauern der Scharfschützen. Mehrmals nutzt er auch die Gelegenheit für Seitenhiebe auf die Vereinten Nationen. Deren Blauhelme hätten in Sarajewo nur Bombeneinschläge gezählt, manchmal Hunderte an einem Tag. Einmal, 1992, habe der damalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali seine "Besorgnis" übermitteln lassen. Mehr sei lange nicht passiert.

Der Ankläger, selbst ein Angestellter der UN, zeigt noch ein Video. Auf dunklen, verwackelten Bildern vom Beginn der Neunzigerjahre sieht man Mladic durch Sarajewo fahren. Mladic sitzt am Steuer, der Beifahrer ist ein Fan aus Kanada, der huldvolle Fragen stellt. Mladic ist bester Laune. Diese Fahrt erinnere ihn an einen früheren Besuch in Sarajewo, hier habe er einmal eine Gruppe von Muslimen zusammenpferchen lassen. Er habe die "Türken" - so beschimpfen nationalistische Serben die bosnischen Muslime - ziemlich in den Hintern getreten. In den Hintern getreten, fragt der Beifahrer? Mladic: "Wann immer ich in Sarajewo vorbeifahre, töte ich jemanden. Deswegen gibt's hier immer Stau." Lachen.

Der heutige Mladic, sichtlich gealtert, dünner, aber noch immer voller Energie, kann im Gerichtssaal ein Grinsen nicht unterdrücken. Er sieht dann auch keinen Grund mehr, sich zu bemühen. Dieser Prozess soll jetzt drei Jahre dauern.

Stratege, Schlächter, Angeklagter

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