Vizekanzler in der Ukraine Gabriels Sprechstunde in Kiew

Stippvisite in Kiew: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel spricht mit ukrainischen Bürgern auf dem Maidan.

Nach seinem Besuch bei Russlands Präsidenten Putin schaut Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel auch noch kurz in der Ukraine vorbei. Auf dem Maidan kommt er mit Bürgern ins Gespräch.

Von Nico Fried, Kiew

Es soll nur ein kurzer Abstecher werden, eine Stippvisite am historischen Ort, als Zeichen der Achtung für die Demonstranten und des Respekts für die Toten. Doch als Sigmar Gabriel am Freitagvormittag in Kiew auf den Maidan geht, findet der deutsche Vizekanzler sich alsbald in einem wachsenden Pulk von Ukrainern wieder. Aus dem Besuch am besonderen Ort wird so eine Bürgersprechstunde der besonderen Art.

Gabriel ist am Morgen aus Moskau gekommen, er hat sich zunächst mit Vertretern der deutschen Wirtschaft in der Ukraine getroffen und dann gut eine Stunde lang mit dem amtierenden Ministerpräsidenten Arseni Jazenjuk gesprochen, er lobte dessen Regierung für den Umgang mit den Provokationen auf der Krim. "Ich glaube, dass sie das sehr gut machen", sagte er. Dann fuhr die Wagenkolonne des Wirtschaftsministers zum nahegelegenen Maidan, jenem Platz, auf dem die noch unvollendete Revolution in der Ukraine ihren Ausgang nahm.

"Wir hassen Putin, 90 Prozent hassen Putin"

Noch stehen die Barrikaden, mit denen sich die Demonstranten gegen die Soldaten der alten Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch absicherten. Zwischen den aufgehäuften Schutzwällen aus Brettern, alten Möbeln, Eisengestellen und unzähligen Autoreifen, zwischen denen der Rauch aus wärmespendenden Öfen über den Platz quillt, geht Gabriel auf den Platz zu, vorbei am ausgebrannten Gewerkschaftshaus, vorbei auch an Blumen und Kerzen, die Menschen hier zu Tausenden abgelegt haben. "Das ist sehr bedrückend", sagt er.

Die meisten Passanten kennen den Besucher nicht, aber die Kameras um ihn herum machen sie neugierig. Ein Mann spricht Gabriel an, er erzählt, was Verwandte ihm von der Krim berichtet hätten. Er spricht über Truppenbewegungen, abgeriegelte Kasernen und abgeschaltete Fernsehsender. Gabriel fragt, was denn die russischen Ukrainer darüber dächten. Da tritt ein zweiter Mann hinzu, zeigt dem Besucher aus Deutschland einen Ausweis und sagt, er komme aus dem russischen Teil der Ukraine. Man solle sich nicht täuschen lassen, "wir hassen Putin, 90 Prozent hassen Putin", ruft der Mann.

"Sagen Sie ihm, dass ich Mitglied der Bundesregierung bin"

In kürzester Zeit bildet sich ein Pulk von 20, 30 Menschen um Gabriel. Ein dritter Mann sagt, die Russen würden sich die Krim von der Ukraine holen, wie sie sich vor knapp sechs Jahren Abchasien von Georgien geholt hätten. Andere Passanten nicken, rufen dazwischen. Dann drängt sich ein älterer Herr nach vorne und sagt, er wolle dem Deutschen eine Bitte an die Bundesregierung mitgeben. Gabriel bittet den Übersetzer: "Sagen Sie ihm, dass ich Mitglied der Bundesregierung bin." Der ältere Herr stutzt, dann sagt er, dass ihm die Sicherheit der 15 Atomreaktoren in der Ukraine große Sorgen mache. Gabriel verspricht, dass Deutschland bereit sei, Hilfe zu leisten; wenn es sein müsse, auch schnell. Dann bedankt er sich bei den Umstehenden. Fast 40 Minuten war Gabriel auf dem Maidan, nun endet der Kurzbesuch in der Revolution.

Wo sonst, sinniert der Minister noch beim Anblick einer der vielen Europa-Fahnen hier, würden die Menschen noch mit dieser Begeisterung für die europäische Idee stehen? Die sei auf diesem Platz präsent, wo die Bürger monatelang für "die Vorherrschaft des Rechts gegenüber der Stärke" auf die Straße gegangen seien. "Vielleicht", sagt der SPD-Vorsitzende, "sollte man im Europa-Wahlkampf keine Plakate aufhängen, sondern nur Bilder vom Maidan."