In ihrem zweiten Video sind die Entführer in der Farbe der Märtyrer gekleidet. Es ist ingesamt viel professioneller organisiert als das erste Video.
Es traf sie völlig überraschend. Noch bevor überhaupt ein auch nur irgendwie gearteter Kontakt zwischen der deutschen Regierung und den Entführern der beiden Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke zustande gekommen war, tauchte in der Nacht zu Mittwoch ein neues Video mit den Geiseln auf.
Die entführten Deutschen: Was soll so ein kurzes Ultimatum bedeuten, wenn man noch nicht einmal ins Gespräch gekommen ist? (© Foto: Reuters)
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Und dieses Video hatte es in sich: Vier weiß-grün vermummte Entführer hielten da mit Schnellfeuergewehren ihre am Boden knienden Geiseln in Schach, einer verlas, die Hand zur Faust geballt, seine Erklärung. Innerhalb von 72 Stunden, so deklamierte der Mann, sollte die deutsche Botschaft in Bagdad geschlossen werden, alle deutschen Firmen sollten aus dem Irak abziehen und die deutsche Regierung ihre Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung einstellen. Sollten diese Forderungen nicht erfüllt werden, würden die Geiseln getötet.
Diesmal sah alles viel ernster aus als auf dem ersten Video, das nur zwei Stunden nach der Entführung der beiden Deutschen aufgenommen worden war. Da war von einem Ultimatum noch nicht die Rede, auch nicht von der Tötung der Geiseln. Den Sicherheitsexperten in Berlin schwant Schlimmes.
Denn was soll ein zweites Video bewirken, wenn es noch gar keinen Kontakt gibt? Was soll ein so kurzes Ultimatum bedeuten, wenn man noch nicht einmal ins Gespräch gekommen ist?
Kein Kontakt bis Mittwoch
Bisher wurden Videos mit Ultimaten immer erst nachgeschoben, wenn es schon Kontakte gab und die ins Stocken geraten waren, weil eine Regierung auf die Wünsche der Entführer nicht eingehen wollte oder sie das Lösegeld hochtreiben wollten. Doch im Fall der zwei sächsischen Ingenieure geht es bisher überhaupt nicht um Lösegeld. Es gab bis Mittwoch keinen Kontakt zu den Entführern.
Dem Ultimatum, das je nach Auslegung schon am Mittwochabend endete oder auch erst am Freitag, messen Experten keine übertriebene Bedeutung bei - auch bei Susanne Osthoff war von 72Stunden die Rede. Was die Sicherheitsexperten und Diplomaten so sehr aufschreckt, ist das veränderte Aussehen der Entführer und ihre veränderten Forderungen.
Die Entführer zeigen sich nun nicht mehr schwarz verhüllt wie im ersten Video, sondern weiß, teilweise grün: Weiß ist die Farbe der Märtyrer, Grün die Farbe des Propheten. "Möglicherweise will man damit zeigen, dass man bereit ist, sich oder die Geiseln zu opfern", sagt ein Beamter. Außerdem trägt einer der Entführer - so hat ein Experte beobachtet - ein hochwertiges britisches Thompson-Gewehr, keine einfache Kalaschnikow - auch das ein Hinweis für die höhere Professionalität der Entführer.
In der ersten Videobotschaft fordern die Geiselnehmer noch die Freilassung muslimischer Frauen aus irakischen Gefängnissen. Eine Forderung, welche die Deutschen nicht erfüllen können, denn sie sind nicht für die Gefängnisse im Irak zuständig. Nun haben die Entführer diese nicht erfüllbare Forderung durch eine andere, realistischere ersetzt.
Fehleranalyse
Deutschland solle die Botschaft in Bagdad schließen. Diesmal sind auch die arabischen Schriftzeichen im Hintergrund, so viel man sehen kann, korrekt. Im ersten Video waren noch Schreibfehler, die nicht unbedingt auf die Professionalität der Entführer hindeuteten. So hatten sie ausgerechnet das Wort "Allah" falsch geschrieben. Diesmal schreiben sie richtig.
"Es scheint fast so zu sein, als hätten sie eine Fehleranalyse angestellt", sagt ein hoher Sicherheitsmann in Berlin.
Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, welche die plötzliche Professionalität erklären könnte. Die Geiseln wurden im Irak womöglich an eine andere, professionellere Gruppe verkauft, mutmaßen Sicherheitsexperten.
Im Irak herrscht ein schwunghafter Handel mit Geiseln, und das neue Video könnte auch dazu dienen, den Preis für die Geiseln hochzutreiben - im Handel von Gruppe zu Gruppe. Mittlerweile konkurrieren gemeine Verbrechergruppen mit Anhängern Saddam Husseins und islamistischen Banden im Geiselhandel.
Im besten Fall haben es die Deutschen nun mit einer erfahrenen Entführergruppe zu tun, die schneller den Weg zur den erprobten Gesprächskanälen findet, welche die deutsche Botschaft in Bagdad aufgebaut hat.
Es gibt allerdings auch eine Alternative, die bisher möglichst nicht ausgesprochen wurde. Die Geiseln könnten irgendwann im Handel von Gruppe zu Gruppe in die Hände des Großterroristen Abu Musab al-Zarkawi gelangen. Jenes Mannes, der Geiseln vor laufender Kamera tötet.
Weil es ihm darum geht, dem Westen zu zeigen, dass im Irak "nur der Sarg auf die vermoderten Gebeine der Kreuzzügler wartet", wie es in einer Ankündigung islamistischer Terrorgruppen heißt.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte nach der Kabinettssitzung, die Lage der Geiseln entwickele sich ernst. Noch traut sich keiner zu sagen, was viele befürchten: Dass René Bräunlich und Thomas Nitzschke in die Hände islamistischer Menschenschlächter geraten sind. Dann aber hätten die deutschen Vermittler, die sich um Kontakt zu den Entführern bemühen, kaum eine Chance, die beiden herauszukaufen.
(SZ vom 2.2.2006)