Karl-Theodor zu Guttenberg: Rücktritt Das Sein und der schöne Schein

Viele Bürger orientieren sich eher an Personen als Programmen, Politiker setzen auf gefühlige Bilder und menschelnde Geschichten. Virtuos bediente der Ex-Verteidigungsminister Guttenberg die Ressentiments des Stammtischs und den Populismus des Boulevards. Doch der Fall Guttenberg zeigt auch, dass es gefährlich sein kann, wenn Politiker ihr Image selbst gestalten wollen.

Ein Gastbeitrag von Ex-Regierungssprecher Thomas Steg

Thomas Steg, geboren 1960, war von 2002 bis 2009 stellvertretender Sprecher der Bundesregierung. Er arbeitet als Kommunikations- und Medienberater in Berlin.

Wir Deutschen leben in einer "Augen-Kultur". Wer etwas mit eigenen Augen gesehen hat, ist von einer Sache und ihrem Wesen überzeugt. Wer sich ein Bild von einem Menschen oder einem Ereignis gemacht hat, traut sich ein eigenes Urteil zu. So sehr immer noch zutrifft, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, so sehr spricht alles dafür, dass der Schein die Wahrnehmung bestimmt. Politiker stehen bekanntermaßen unter ständiger öffentlicher Beobachtung. Mehr als andere sind sie deshalb darauf bedacht, die Fremdwahrnehmung der eigenen Person nicht dem Zufall zu überlassen. Der frühere britische Premier Tony Blair hatte dafür seine Spindoktoren, der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vertraute auf die verlässliche Unterstützung prominenter Medien und Medienmacher.

Man mag es bedauern, doch die meisten Bürger orientieren sich mehr an Personen als an Programmen. Die Personalisierung von Politik ist ein säkularer Trend. Sie ist nicht mit Entpolitisierung gleichzusetzen, denn Personen erleichtern den Zugang zur Politik und das Verständnis von Politik.

Während die meisten Politiker schon einigermaßen froh sind, als fachkundig und respektabel zu erscheinen, wurden dem fränkischen Freiherrn Aura und Ausstrahlung, Charisma und Empathie, Unabhängigkeit und Leidenschaft attestiert. Diese Eigenschaften sind Guttenberg zugeschrieben worden, ohne dass er sie tatsächlich nachgewiesen hätte. Seine phänomenale Wirkung resultierte aus den irrationalen Projektionen, die viele Menschen auf ihn gerichtet haben, wobei auch latent antidemokratische Affekte und Sehnsüchte nach einer starken und weisen Lichtgestalt mitschwingen, der man bereitwillig folgen möchte.

Mit einer gehörigen Virtuosität bediente der Minister die Ressentiments des Stammtischs und den Populismus des Boulevards. Sein Erfolgsgeheimnis bestand darin, sich als der "etwas andere Politiker" zu präsentieren. Er kokettierte mit einer Distanz zur politischen Klasse, deren Teil er ist. Er spielte mit dem Image des Ungewöhnlichen. Doch dieses Attribut kann sich rasch als flüchtig erweisen. In seiner Dissertation hat sich Guttenberg verhalten wie dereinst Fürst Potemkin. Die Arbeit ist ein wissenschaftliches Blendwerk. Indes, noch stand das Volk mehrheitlich zu ihm. Aber schon Luther wusste: "Eine Lüge ist wie ein Schneeball; je länger man ihn wälzt, je größer wird er."

Guttenbergs Hoffnung, dass ihn seine Fehlbarkeit "normaler" und "menschlicher" erscheinen lassen könnte, erwies sich als Irrtum. Denn ein Minister mit dem Makel der Täuschung und Unaufrichtigkeit wird irgendwann zu einer Belastung. Als das bürgerliche Publikum an seiner Moral, Überzeugung und Gesittung zu zweifeln begann, gab es kein Halten mehr. Die Bundeskanzlerin, die sich ungeschickt und unglücklich mit ihm solidarisierte, wird Mühe haben, den Kollateralschaden für die Union und das "bürgerliche Lager" zu begrenzen.

Es lauern also beträchtliche Gefahren, wenn Politiker versuchen, ihr Image nach eigenen Wunschvorstellungen zu gestalten. Der frühere SPD-Vorsitzende Rudolf Scharping kann davon ein Lied singen. Zu gern wollte der Mann aus dem Westerwald dynamischer, moderner und zupackender wirken. Schließlich schickte er sich 1994 an, Helmut Kohl die Kanzlerschaft zu entreißen. Nichts ließ er unversucht: neue Kleidung, neue Frisur, neue Brille. Sogar der Bart kam ab, doch Scharping blieb der alte. Die Menschen entlarven solche Versuche des Styling und des bemühten Image-Wandels unschwer als plumpe Inszenierung. Sie durchschauen die Attitüde und wünschen nichts mehr als Authentizität.