Verschleierungstaktik des Pentagon Teure Zensur

Amerikas Regierung verbirgt mehr vor der Öffentlichkeit denn je: Um die Verbreitung eines unliebsamen Buches über den Krieg in Afghanistan zu stoppen, will das US-Verteidigungsministerium nun die komplette Auflage kaufen.

Von Jörg Häntzschel

Amerikas Regierung verbirgt mehr vor der Öffentlichkeit denn je. US-Präsident George W. Bush hatte das Regieren im Dunkeln zum Prinzip gemacht, und sein Nachfolger Barack Obama setzt die Praxis nahezu unverändert fort. Er verhinderte etwa die Veröffentlichung von Fotos von Misshandlungen Gefangener durch US-Soldaten in Afghanistan und dem Irak.

Doch nicht immer gelingt es der Regierung, die Informationen unter dem Deckel zu halten. Beamte des Verteidigungsministeriums überlegen, wie sie die Verbreitung des Buchs "Operation Dark Heart" stoppen können, den Bericht eines früheren Angehörigen einer in Afghanistan aktiven Spezialeinheit der Armee.

Dabei kann man dem Autor Anthony Shaffer mangelnde Kooperationsbereitschaft nicht vorwerfen. Er hatte sein Manuskript den Verantwortlichen bei der US-Armee vorgelegt und deren Änderungswünsche berücksichtigt. Im Januar gaben sie ihr Imprimatur: Gegen eine Veröffentlichung bestünden "keine Einwände aus rechtlichen, operativen oder die nationale Sicherheit betreffenden Gründen".

Doch wie so oft in der amerikanischen Bürokratie wusste eine Hand nicht, was die andere tut. Als Beamte des Pentagons das Buch im Juli erstmals erhielten, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen. Sie fanden 200 Passagen mit als geheim eingestuften Informationen, darunter die Namen von CIA-Offizieren in Afghanistan und Hinweise auf das Telefonüberwachungssystem, mit dem der US-Nachrichtendienst National Security Agency Gespräche der Amerikaner abhören kann.

Die Veröffentlichung des Buchs stelle "eine ernste Gefahr für die nationale Sicherheit dar", schrieb Ronald Burgess, Direktor des militärischen Nachrichtendiensts Defense Intelligence Agency. Etliche andere Leser aus dem Pentagon waren derselben Ansicht.

Nur war das Buch zu diesem Zeitpunkt bereits gedruckt, und einige Exemplare auch schon ausgeliefert. Noch am Donnerstag konnte man es bei Amazon bestellen. Doch das Pentagon ließ sich nicht beirren. Es bat den Verlag inständig, ihm die erste Auflage von 10.000 Exemplaren zu verkaufen. Anschließend könne der Verlag gerne eine neue Version mit Schwärzungen auf den Markt bringen.

Damit begingen die Pentagon-Beamten wieder einmal den jahrtausendealten Fehler der Zensoren. Sie hielten das Buch, das sie verschwinden lassen wollten, erst ins Licht.