Vermasselte Thüringer Fahndung nach Terrortrio Richtige Tipps zur falschen Zeit

"Das stinkt": Wurde in Thüringen die Fahndung nach dem untergetauchten Terrortrio behindert? Mehrere Hinweise deuten auf ein seltsames Verhältnis zwischen Verfassungsschutz und Kriminalamt hin. Belegt ist: Man war den Neonazis auf der Spur - kam aber immer knapp zu spät.

Von Oliver Das Gupta

Viele Jahre suchten staatliche Ermittler nach Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, immer kamen die Fahnder zu spät - manchmal offenbar äußerst knapp. Wie sueddeutsche.de erfuhr, belegen Behördendokumente, dass die untergetauchten Rechtsextremisten mehrmals kurz vor der Festnahme standen.

Verschiedene Teilnehmer einer vertraulichen Sitzung des Thüringer Justizausschusses am Donnerstag bestätigten übereinstimmend, dass es "mehrere Papiere" gebe, die Pannen in der Zusammenarbeit zwischen Landeskriminalamt (LKA) und Landesamt für Verfassungsschutz mysteriös erscheinen lassen.

Was da Landesjustizminister Holger Poppenhäger (SPD) in der fünfstündigen Sitzung präsentierte, verblüffte die Ausschussmitglieder - und alarmierte sie: In einer Notiz etwa klage ein LKA-Ermittler, von den Verfassungschutz-Kollegen "immer die richtige Information, aber immer zu spät" zu erhalten.

An anderer Stelle heißt es in einem Vermerk des LKA vielsagend, man wolle miteinander sprechen, damit es zu "keinen Behinderungen" komme. "Was wollte man damit andeuten?", fragt ein Landtagsabgeordneter.

Dass es sich um "ein halbes Dutzend Aktennotizen", also sechs Dokumente mit entsprechendem Gehalt handelt, wie die Thüringer Allgemeine berichtet, verneinen alle Teilnehmer der Sitzung, mit denen sueddeutsche.de sprach: "Diese Zahl ist zu hoch".

Die vorgestellten Dokumente reichen jedoch aus, um bei den Parlamentariern Zweifel zu mehren: allem voran an der Rolle des Landesverfassungsschutzes in der Causa "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Die Terrorgruppe soll bundesweit für neun Morde an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft in den Jahren 2000 bis 2006, den Mordanschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn im April 2007 und zwei Bombenanschläge in Köln 2001 und 2004 verantwortlich sein. Außerdem werden ihnen 14 Banküberfälle zur Last gelegt.

"Den ersten Verdacht eher verstärkt, als entkräftet"

Mundlos und Böhnhardt haben sich nach dem letzten Banküberfall in Eisenach Anfang November selbst erschossen, Beate Zschäpe sitzt in Untersuchungshaft und schweigt.

Bislang haben die Thüringer Sicherheitsbehörden bei der Fahndung nach dem 1998 abgetauchten Trio Fehler eingeräumt. Die Polizei hatte dem Thüringer Generalstaatsanwalt Hartmut Reibold zufolge schon im März 2002 Hinweise auf den Aufenthaltsort der Terroristen in Chemnitz. Die gesuchten Neonazis sollen auch fotografiert worden sein, wobei im Thüringer Justizausschuss keine Belege für Bilder vorgelegt wurden.

Warum es trotz all den Hinweisen in all den Jahren zuvor nicht möglich war, das schon Ende der neunziger Jahre mit Sprengstoff hantierende Trio dingfest zu machen, ist den Thüringer Abgeordneten schleierhaft. Das Misstrauen gegenüber den staatlichen Ermittlern sitzt im Erfurter Landtag tief - lagerübergreifend. Liegen wirklich schon alle relevanten Informationen auf dem Tisch? Spitzelte Beate Zschäpe nicht sogar für den Staat? Und gab es ein Leck im Verfassungsschutz?

Die vorliegenden Erkenntnisse würden mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten, klagt ein Landtagsabgeordneter. Die Indizien hätten "den ersten Verdacht eher verstärkt, als entkräftet." Ein anderer fasst zusammen: "Das stinkt!"