Verleihung des Theodor-Heuss-Preises Proteste bei Auszeichnung für Cohn-Bendit

"Jagt mich nicht für etwas, was ich nicht getan habe": Der Grünen-Politiker Cohn-Bendit distanziert sich bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises von seinen jahrzehntealten Bemerkungen über erotische Spiele mit Kindern. Draußen demonstrierten Dutzende gegen die Preisvergabe.

Es war eine emotionale Preisverleihung. Im Stuttgarter Neuen Schloss brach der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit während seiner Dankesrede in Tränen aus. Der 68-Jährige hat am Samstag den Theodor-Heuss-Preis erhalten.

In seiner Ansprache distanzierte er sich von seinen Aussagen in den Siebziger- und Achtzigerjahren und betonte, er habe sich nie an Kindern vergriffen. "Kritisiert mich für das, was ich geschrieben habe, bis zu meinem Tod - aber jagt mich nicht für etwas, was ich nicht getan habe." Seine damaligen Äußerungen - etwa über erotische Spiele mit Kindern - seien eine "unerträgliche Provokation" und hätten "so nicht geschrieben werden dürfen". Cohn-Bendit ordnete seine Äußerungen ein in den historischen Kontext der 68er Bewegung, die von Tabu-Brüchen geprägt gewesen sei.

Cohn-Bendit, früher Erzieher in einem Frankfurter Kinderladen, hatte 1982 in einer französischen Talkshow gesagt, dass er es ganz großartig finde, "wenn ein kleines fünfjähriges Mädchen beginnt, sich auszuziehen". Ein "wahnsinnig erotisches Spiel" sei das, und "die Sexualität eines Kindes" überhaupt "etwas Phantastisches". Schon 1975 hatte er im Buch "Le Grand Bazar" geschrieben, dass ihm mehrmals Kinder "den Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln". Und zurückgestreichelt habe er auch.

Ausgelöst hatte die Debatte der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, der seine Festrede für Cohn-Bendit abgesagt hatte. Er wolle den Eindruck vermeiden, das Gericht billige Aussagen wie die von Cohn-Bendit.

Der langjährige Europa-Abgeordnete Cohn-Bendit wurde in Stuttgart für seine Verdienste um die deutsch-französischen Beziehungen und um die Demokratie gewürdigt. Vor dem Gebäude herrschten Wut und Empörung: Etwa 70 Demonstranten, organisiert von der Jungen Union, beschimpften die Gäste der Veranstaltung mit "Schämt Euch"-Rufen. Auf den Plakaten der Protestierenden war zu lesen: "Heuss-Preis für Kinder-Sex", "Missbrauch darf nicht salonfähig werden".

Angelehnt an diesjährige Motto der Stiftung "Neue Wege in der Demokratie" sagte der Vorsitzende Ludwig Theodor Heuss - ein Enkel des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP) -, wer neue Wege suche, gehe gelegentlich auch in die Irre. Dies gelte für die beanstandeten, auch aus seiner Sicht abstoßenden Textpassagen in Cohn-Bendits Schrift von 1975. Doch sei kein Straftatbestand erfüllt gewesen, und Eltern hätten Cohn-Bendit in Schutz genommen. Für eine "Hetzjagd" bestehe kein Grund.

"Vergeben bezieht sich nur auf Personen, niemals auf die Sache"

Neben Cohn-Bendit war auch dessen alter Grünen-Freund, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, ins Visier der Opposition im Stuttgarter Landtag geraten. Kretschmann widersetzte sich deren wiederholter Aufforderung, von seinem geplanten Grußwort Abstand zu nehmen. Er argumentierte, Cohn-Bendits Äußerungen seien zwar unerträglich, doch bestehe ein Unterschied zwischen Worten und Taten. Daraufhin warfen ihm Liberale und Christdemokraten vor, Kindesmissbrauch zu verharmlosen und die Opfer zu verhöhnen.

Kretschmann warb in seiner Rede um Vergebung für Irrtümer und Fehler. Er teile die Meinung seiner Lieblings-Denkerin Hannah Arendt: "Vergeben bezieht sich nur auf Personen, niemals auf die Sache." Demnach seien Cohn-Bendits Äußerungen inakzeptabel und würden ihn sein Leben lang verfolgen, aber seine Person könne dennoch geehrt werden. Der gläubige Katholik betonte: "Verzeihung gibt die Chance, immer wieder neu anfangen zu können."

Nicht nur die grün-rote Koalition im Südwesten wittert dahinter eine Kampagne, die aus wahltaktischen Gründen angezettelt wurde, um den populären grünen Landesvater zu diskreditieren. Der Laudator Cohn-Bendits, der Schweizer Publizist Roger de Weck, warnte vor Verleumdungen und davor, dass "Hass salonfähig" werde.

Auch der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) scherte sich nicht darum, dass liberale Mitglieder des Bundestages und des Landtages die Veranstaltung boykottierten. Er sei gerade deshalb gekommen. Denn: "Man muss die Größe haben, einen politischen Konkurrenten zu ehren." Das Verhalten seiner Parteifreunde sei "Wahlkampf auf dem Rücken der Theodor-Heuss-Stiftung". Der Protest draußen vor dem Schloss sei "unglaublich".