Ein Kommentar von Stefan Kornelius

George W. Bush wird wohl niemals mehr in Europa von jubelnden Massen empfangen werden. Denn das Bild vom amerikanischen Präsidenten ist in Stein gemeißelt. Und doch hat Europa ihm ein paar Erkenntnisse zu verdanken, die ohne die Politik aus Washington vielleicht gar nicht ins europäische Bewusstsein eingedrungen wären.

Europa erfuhr mit Hilfe von George W. Bush ein politisches Todeserlebnis. Als der amerikanische Präsident den Irak-Krieg konstruierte, überstrapazierte er wie beiläufig den europäischen Zusammenhalt und führte die Union an den Rand des Kollapses. Das ist inzwischen Geschichte, die Politik hat sich längst besseren Momenten zugewandt, auch wenn die Öffentlichkeit nicht vergessen will und kann. Die Erinnerung daran hat in nicht wenigen europäischen Hauptstädten das Bewusstsein geschärft für die Zerbrechlichkeit des eigenen Bündnisses und für die unangenehme und gefährliche Alternative einer Politik in der europäischen Kleinstaaterei.

George W. Bush

George W. Bush hat verstanden, dass ein Leben in politischer Isolation selbst für die größte Macht der Welt unangenehm und ineffektiv isrt (© Foto: AP)

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Ganz nebenbei können auch Bush und vor allem seine Außenministerin Condoleezza Rice von einem Erweckungserlebnis berichten. Auch die amerikanische Politik hat verstanden, dass ein Leben in politischer Isolation selbst für die größte Macht der Welt unangenehm und ineffektiv ist. Auch die amerikanische Politik hat gelernt, dass sie gemeinsam mit anderen glaubwürdiger und durchsetzungsfähiger ist.

So weit, so erwartbar. Allerdings hatte die Episode noch eine zusätzliche Wirkung: Die USA und Europa spüren nun, dass sich die Welt nicht nur um die transatlantische Achse dreht, dass also die amerikazentrische Ausrichtung europäischer Politik und vor allem die eurozentrische Ausrichtung amerikanischer Politik als Relikt aus dem Kalten Krieg den Blick verstellen für die wahren Probleme in der Welt.

Verschiebung der Macht zugunsten von Asien

Nach dem Irak-Gewitter klärt sich also die Luft. Vor allem Europa ist sich seiner geopolitischen Randlage schmerzlich bewusst, seiner Abhängigkeit von den rohstoffreichen Staaten im Osten, seiner ökonomischen Anfälligkeit gegenüber den Wachstumsriesen in Asien, seiner demografischen Probleme und seiner Schwäche in Kriegen, Krisen und Katastrophen, wenn alles Palaver nicht hilft.

Die Dynamik der Globalisierung und die Verschiebung der Macht in der Welt zugunsten von Asien funktionieren nicht im Sinne Europas. Die EU erkennt, dass sie sich trotz aller integrationspolitischen Erfolge im Inneren eine gewaltige Schwäche leistet: Sie muss nach außen eine Art Supermacht werden, wenn sie mitentscheiden möchte bei den Verteilungskämpfen der Zukunft, wenn sie ihre eigenen Bürger vor einer ungerechten Welt schützen und wenn sie ihre sanfte Überzeugungskraft als Wirtschaftsgigant spüren lassen will.

Europa trifft diese Erkenntnis in einem ungünstigen Moment. Außer in Deutschland regieren in allen Schlüsselnationen Politiker einer auslaufenden Generation. Die Mechanik der EU hakt nach den gescheiterten Verfassungs-Abstimmungen in Frankreich und den Niederlanden. Der Kontinent spürt, dass die Idee der verschmelzenden Nationen an ihre Grenze stößt in einer Zeit, in der viele Menschen nach Abgrenzung und Identität verlangen. Europa, obwohl politisch eine geniale Antwort auf die Globalisierung, tut sich schwer, diese Stärke anzupreisen.

Washington entdeckt Vorzüge starker Partnerschaft wieder

Gleichwohl gelingen die ersten Schritte. Sicherheitspolitisch ist Europa in Afghanistan und bald im Kongo präsent. Die außenpolitische Beharrlichkeit gegenüber Iran hat dazu geführt, dass möglicherweise eine der schärfsten Krisen der Weltpolitik entschärft werden kann. In Nahost erfindet die europäische Diplomatie einen Modus zum Umgang mit der Hamas. Energie- und Klimapolitik gewinnen in aller Welt auch dank europäischer Sturheit an Bedeutung.

Auch wenn Europa also nicht die Töpfe füllen kann, es scheint über ein paar richtige Rezepte zu verfügen. Washington entdeckt zurzeit die Vorzüge einer starken Partnerschaft wieder und ist bereit, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen. George W. Bush deutete in den vergangenen Tagen an, dass auch er Guantanamo am liebsten schließen würde. Für das Publikum zu Hause braucht es diese Demutsgesten nicht. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen für die USA alle Politik (und vor allem alles Militär) aus der EU Teufelszeug waren. In Washington verstummt das Geschwätz vom zaudernden Kontinent, so wie in Europa die Erkenntnis wächst, dass es ohne Amerika eben doch nicht geht (siehe Iran).

Jetzt, wo die Europäer allmählich ihre Stärke spüren und Amerika den Nutzen eines erwachenden Kontinents für sich entdeckt, wäre der Moment gekommen, unfruchtbare Gipfelrituale zu beenden und dort, wo die Probleme greifbar sind, die Fachleute enger zusammenzubinden. Rohstoffe, Handel, Iran, die Anti-Terror-Politik: Die Institutionen der EU sind zu wenig präsent im Bewusstsein der USA. Jahresgipfel vor Schlosskulisse sind hübsch, aber die Arbeit wird dort nicht geleistet.

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(SZ vom 22.6.2006)