Vergewaltigung in bewaffneten Konflikten Kampf um das Ende der sexuellen Kriegsführung

John Kerry, William Hague und Angelina Jolie auf der Konferenz "End Sexual Violence in Conflict" in London

(Foto: REUTERS)

Bei Vergewaltigungen im Krieg geht es angeblich vor allem um unkontrollierte Triebe und Sex. Auf einer Konferenz in London haben der britische und der amerikanische Außenminister gemeinsam mit UNHCR-Botschafterin Angelina Jolie klargemacht, was die wahren Hintergründe sind.

Von Markus C. Schulte von Drach

Meist erst nach dem Ende der Kämpfe kommen jene Gewalttaten ans Licht, die über das Töten von Soldaten und Zivilisten im Rahmen von Kampfhandlungen hinausgehen: Folter, Misshandlungen, Verstümmelungen wehrloser Menschen, Vergewaltigungen. Taten, die während der Konflikte häufig noch als Kriegspropaganda abgetan werden, bekommen Gesichter - sofern die Opfer noch leben und nicht aus Scham ihr Leid verschweigen.

Doch das tun sie häufig. Wohl auch deshalb wurden Vergewaltigungen über Jahrhunderte eher anekdotisch als Kriegsgräuel beschrieben, die eben zur Hölle des Krieges gehören. Dass Vergewaltigungen im Rahmen bewaffneter Auseinandersetzungen allerdings sehr häufig, sogar systematisch verübt werden, diese Erkenntnis - oder besser: dieses Eingeständnis ist noch nicht alt.

Für die internationale Politik waren derartige Verbrechen bis vor wenigen Jahren kein Thema. Größere Studien dazu gibt es erst seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Interesse der breiten Öffentlichkeit wurde erst von Hilfsorganisationen und Menschenrechtsgruppen geweckt, die Massenvergewaltigungen von Frauen im Balkankonflikt seit Anfang der 90er Jahre anprangerten. In einigen Resolutionen des UN-Sicherheitsrates wurde seitdem Vergewaltigung als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, was über die Festlegung in der Genfer Konventionen von 1949 hinausgeht.

Noch immer trauen sich viele Opfer nicht darüber zu sprechen, was ihnen angetan wurde. Fast alle diese Verbrechen bleiben ungesühnt. Und das Bewusstsein dafür ist in der Öffentlichkeit noch immer nicht groß genug. Das zu ändern war das Ziel der gerade in London abgeschlossenen Konferenz "End Sexual Violence in Conflict". Es war die größte, die es zu diesem Thema bislang gab. An vier Tagen hatten sich Vertreter aus mehr als hundert Ländern getroffen, Opfer und Zeugen, Politiker und Menschenrechtsaktivisten, Militärexperten und Juristen.

"Kultur der Straflosigkeit" beenden

Die Veranstaltung war der Höhepunkt einer zweijährigen Kampagne des britischen Außenministers William Hague und der US-Schauspielerin Angelina Jolie in ihrer Funktion als Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Gemeinsam hatten sie Vergewaltigungsopfer zum Beispiel in Bosnien-Herzegowina und in der Demokratischen Republik Kongo besucht, um die Welt auf die furchtbaren Ereignisse aufmerksam zu machen.

Schließlich sind die Zahlen zu diesen Verbrechen, die etwa die UN veröffentlicht haben, schier unglaublich. So werden etwa in der Demokratischen Republik Kongo täglich zwischen 30 und 40 Frauen und Mädchen vergewaltigt. Zwischen 250 000 und 500 000 Frauen erlitten dieses Schicksal 1994 während des Völkermords in Ruanda. Und in Bosnien-Herzegowina wurden in den 90er Jahren 20 000 bis 50 000 überwiegend muslimische Frauen vor allem von serbischen Soldaten systematisch vergewaltigt. Trotz der Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag wurden lediglich etwas mehr als 60 Täter strafrechtlich zur Verantwortung gezogen.

Wichtigstes Ziel der Veranstalter, darunter die britische Regierung, ist es, die noch immer herrschende "Kultur der Straflosigkeit" zu beenden. "Ich hoffe, dass in einigen Jahren, wenn ein Krieg ausbricht, jene, die die Vergewaltigung eines Mannes, einer Frau oder eines Kindes in Erwägung ziehen, sich sehr bewusst sind, welche Konsequenzen ihre Handlungen haben werden", erklärte Jolie unlängst der britischen Zeitung Guardian während eines Bosnienbesuchs. Wenn die Opfer die Möglichkeit hätten, Vergewaltigungen zu melden, und wenn diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch massenhaft bestraft würden, könne sich etwas ändern.

Zustimmung erhielt Jolie auf der Abschlussveranstaltung in London von US-Außenminister John Kerry. Er zeigte sich überzeugt, dass sich "die sexuelle Kriegsführung beenden lässt, neue Normen etabliert und die Täter zur Verantwortung gezogen werden können". Dazu sei eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexueller Gewalt notwendig.