Militärschlag in Syrien Von USA geführte Koalition hat Syrien angegriffen

Rauch und Raketen über Damaskus, nachdem US-Präsident Donald Trump einen Militäreinsatz gegen Syrien angeordnet hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt ihn "erforderlich und angemessen".

(Foto: Hassan Ammar/AP)
  • Die USA, Frankreich und Großbritannien haben in der Nacht Syrien angegriffen.
  • Ziele waren vor allem Anlagen, die im Zusammenhang mit der Produktion von Chemiewaffen stehen sollen. Laut Frankreichs Außenminister wurde das Arsenal "zu einem großen Teil" zerstört.
  • Der Angriff gilt als Vergeltungsschlag für den angenommenen syrischen Einsatz von Chemiewaffen vor etwa einer Woche gegen die eigene Bevölkerung.
  • Die Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) wollen ihre Untersuchung vor Ort ungeachtet der Militäraktion fortsetzen.

Die USA, Frankreich und Großbritannien haben in der Nacht zum Samstag Militärschläge gegen Syrien ausgeführt. US-Präsident Donald Trump sagte am Freitagabend (Ortszeit) in Washington, sie seien eine Vergeltung gegen den Einsatz chemischer Waffen durch die syrische Regierung unter Baschar al-Assad gegen das eigene Volk. Trump sagte, er habe "Präzisionsschläge" angeordnet.

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Das hatte Russlands Präsident Putin gefordert. Irans Regierungschef Rohani versichert Assad, weiter an dessen Seite zu stehen. Kanzlerin Merkel bezeichnete den Angriff als "angemessen". mehr ...

An den Militärschlägen waren nach ersten Angaben Schiffe und Flugzeuge beteiligt. Ein chemisches Forschungszentrum am Rand der Hauptstadt Damaskus und zwei Chemiewaffenlager nahe Homs seien angegriffen worden. Die Angriffe seien nicht mit Russland koordiniert worden.

Nach dem Beginn des Angriffs gegen drei Uhr waren in der Hauptstadt Damaskus schwere Explosionen zu hören, wie Anwohner berichteten. Das TV-Programm wurde kurzzeitig unterbrochen. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, die Luftabwehr des Landes bekämpfe die "amerikanisch-britisch-französische Aggression". Wenige Stunden später berichtete das Staatsfernsehen, syrische Sicherheitskräfte seien in Stadt Duma vorgerückt, der letzten Rebellen-Hochburg in der Geion Ost-Ghuta. In wenigen Stunden werde die Stadt vollständig "von der terroristischen Präsenz" befreit sein.

Frankreichs Außenminister: Chemiewaffen-Arsenal "zu einem großen Teil zerstört"

Das britische Verteidigungsministerium bestätigte in der Nacht eine Beteiligung an den Angriffen und erklärte, sie seien "erfolgreich" gewesen. Darauf deuteten "erste Hinweise" hin. Für die Militärschläge nahe Damaskus seien Marschflugkörper vom Typ Storm Shadow zum Einsatz gekommen. Syrische Staatsmedien berichteten, dass diese lediglich einen Sachschaden in der Forschungseinrichtung angerichtet hätten.

Vier Flugzeuge der Royal Air Force schossen dem britischen Verteidigungsministerium zufolge Raketen auf ein Ziel Nahe Homs ab. Demnach lagerten dort in einer früheren Raketenbasis Produkte für chemische Kampfstoffe. Dies stelle einen Bruch der Chemiewaffenkonvention dar. Diese Raketen seien abgelenkt worden, berichteten syrischen Staatsmedien. Dadurch seien drei Zivilisten verletzt worden. Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian sagte am Samstagvormittag, das syrische Chemiewaffen-Arsenal sei "zu einem großen Teil" zerstört worden.

Die britische Premierministerin Theresa May sagte, es habe "keine gangbare Alternative zum Einsatz der Streitkräfte gegeben." Die militärische Antwort sei ein "begrenzter und gezielter Schlag" gewesen. "Wir können nicht zulassen, dass der Einsatz von Chemiewaffen normal wird - in Syrien, auf den Straßen in Großbritannien oder irgendwo anders in unserer Welt", sagte sie. Es gehe nicht darum, in einen Bürgerkrieg einzugreifen. Es gehe auch nicht um einen Regimewechsel.

Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte, der Einsatz chemischer Waffen dürfe nicht toleriert werden. Sie stellten eine Gefahr für das syrische Volk und "unsere gemeinsame Sicherheit" dar. Er habe deshalb der Armee den Befehl zum Eingreifen gegeben. Der Angriff solle der Banalisierung des Einsatzes von Giftstoffen vorbeugen. Macron hatte den Einsatz von Chemiewaffen mehrfach als "rote Linie" bezeichnet.

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US-Verteidigungsminister Mattis: "einmaliger Beschuss"

US-Präsident Donald Trump sagte, die USA wollten keine weiteren Bodentruppen in Syrien einsetzen. Man freue sich darauf, wenn die eigenen Soldaten heimkehrten. Die USA blieben für die Region aber ein "Partner und ein Freund".

US-Verteidigungsminister James Mattis nannte den Angriff einen "einmaligen Beschuss". Ob die Angriffe weitergingen, sei abhängig vom Verhalten Assads. Der aktuelle Angriff sei aber vorüber. Er habe etwa eine Stunde gedauert. Als Ziele seien lediglich solche gewählt worden, die in Zusammenhang mit der Herstellung von chemischen Waffen stünden. Es seien etwa doppelt so viele Raketen eingesetzt worden, wie vor einem Jahr, als die USA nach einem Chemiewaffen-Einsatz der syrischen Regierung 59 Tomahawk-Raketen auf das Land abfeuerten, sagte Mattis.

Die USA machen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad für einen vermuteten Giftstoffangriff in der von Rebellen kontrollierten Stadt Duma bei Damaskus in der vergangenen Woche verantwortlich. Am Freitag hatten die USA erklärt, Beweise für die Schuld der syrischen Regierung zu haben. US-Präsident Trump sagte: "Dies sind nicht die Taten eines Menschen. Es sind die Verbrechen eines Monsters." Zuvor hatte er Assad ein "mit Gas tötendes Tier" genannt, "das sein Volk tötet und sich daran erfreut".

Aktivisten zufolge sind bei dem Angriff in der Stadt Duma am vergangenen Samstag mehr als 150 Menschen getötet und etwa 1000 verletzt worden. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind bei etwa 500 Krankenhauspatienten Symptome festgestellt worden, die auftreten, wenn man giftigen Chemikalien ausgesetzt ist.

OPCW-Experten wollen weiter vor Ort Informationen sammeln

Die Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) setzen ihren Einsatz zur Untersuchung des mutmaßlichen Giftstoffangriffs in Duma ungeachtet der nächtlichen Luftangriffe fort. Das teilte die Organisation am Samstag in Den Haag mit. Die OPCW könne und werde aber keine Informationen über eine laufende Untersuchung veröffentlichen. Der Grund dafür seien die Integrität der Untersuchung und ihrer Ergebnisse sowie die Sicherheit der eingesetzten Experten. Alle Seiten seien aufgefordert, die Vertraulichkeit zu wahren, die für eine "gründliche und unbehinderte Untersuchung" nötig sei.

Die OPCW-Experten hatten sich am Donnerstag auf den Weg nach Syrien gemacht. Zu der Delegation gehören unter anderem Chemiker, Mediziner sowie Waffenexperten. Sie sollen nicht nur Boden- und Gewebeproben sammeln und analysieren, sondern haben auch ein Mandat, Augenzeugen, Opfer sowie medizinisches Personal zu befragen. Die Ermittler sollen ihren Bericht binnen 30 Tagen dem Exekutivrat der OPCW übergeben.

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Schon im April 2017 waren bei einem Angriff in dem Ort Khan Scheikhun in der Provinz Idlib mehr als 70 Menschen nachweislich durch Sarin getötet worden. Eine gemeinsame Untersuchungskommission der OPCW und der Vereinten Nationen bestätigte dies durch die Analyse entsprechender Proben und machte das syrische Regime dafür verantwortlich. Russland verhinderte daraufhin im November mit seinem Veto im UN-Sicherheitsrat eine Verlängerung des OPCW-Mandats.

Russland und das Regime hatten eine Reihe widersprüchlicher Erklärungen präsentiert. Zunächst bestritten sie, dass Kampfstoffe eingesetzt worden seien, dann beschuldigten sie Kämpfer der mit al-Qaida verbundenen Nusra-Front, den Angriff inszeniert zu haben. US-Präsident Trump reagierte damals, indem er die 59 Marschflugkörper auf den Militärflugplatz abfeuern ließ, von dem die Maschine gestartet war, die den Ort bombardierte.

Chemische Analysen zeigten, dass der eingesetzte Kampfstoff einen charakteristischen Stabilisator enthielt, den das Regime als Teil seines Chemiewaffenprogramms bei der OPCW deklariert hatte. Es ist nicht klar, ob in Duma ebenfalls Sarin oder ein verwandter Stoff aus der Gruppe der Phosphorsäureester zum Einsatz kam; Symptome der Opfer legen das nahe. Allerdings hatte US-Verteidigungsminister James Mattis Russland und Syrien auch gewarnt, weiter Chlor einzusetzen, wie es Hunderte Male in Syrien geschehen ist; dies wäre "sehr unklug", sagte er im März bei einem Besuch in Oman.

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