Verfassungsschutzbericht "Schäuble ist ein Sicherheitsfanatiker"

Die islamistische Terrorgefahr in Deutschland ist so groß, weil die Ursachen des Übels nicht bekämpft werden, erklärt der Islamforscher Michael Pohly.

Interview: Marcel Burkhardt

sueddeutsche.de: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sieht den islamistischen Terrorismus als "größte Bedrohung für Stabilität und Sicherheit" in Deutschland. Warum wächst die Gefahr weiter?

Pohly: Weil die Ursachen des islamistischen Terrorismus nicht beseitigt werden. Saudi-Arabien als größter Geldgeber der Terroristen wird nicht in die Zange genommen. Pakistan ist weiter das Rückgrat von al-Quaida und den Taliban. Und der Terror wird aus diesen Ländern weiter ungehindert unterstützt. Die Probleme im Irak, in Afghanistan und Pakistan werden exportiert und kommen so auch nach Deutschland.

sueddeutsche.de: Linksgerichtete Politiker wie etwa Gregor Gysi machen für die wachsende Terrorgefahr in Deutschland auch die Afghanistan-Politik der Bundesregierung verantwortlich. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Pohly: Deutschland hat in Afghanistan jahrelang keine aktive, konstruktive Politik betrieben, sondern sich hinter den Amerikanern versteckt. Deutschland hat keine Akzente gesetzt. Mit dem Ergebnis, dass heute Warlords, Taliban und andere Kriminelle die Fäden im Land ziehen, bis hinauf zur Regierung. Der Bundeswehreinsatz in seiner jetzigen Form ist schlichtweg schwachsinnig. Die Jungs können sich gerade mal marginal selbst schützen. Den Menschen in Afghanistan können sie nicht helfen beim Wiederaufbau, weil überall Korruption und Gewalt herrscht. Die US-Amerikaner haben im Kampf gegen die Aufständischen zu viele zivile Opfer in Kauf genommen; dadurch fühlen die Menschen, dass ihr Leben in den Augen der westlichen Militärs nicht viel zählt. Deutschland als Verbündeter der Amerikaner bekommt die Wut darüber natürlich auch zu spüren.

sueddeutsche.de: Die Mitgliederzahl der deutschlandweit 30 aktiven islamistischen Organisationen ist auf 33.170 gestiegen. Wie groß ist die Gefahr, die von diesen Menschen ausgeht?

Pohly: Das sind nicht alle potenzielle Terroristen. Die Gruppen haben in den vergangenen zwei Jahren nicht wesentlich neue Mitglieder gewonnen. Es kommen aber immer noch Jugendliche, die in diesen Gruppen Halt suchen - Konvertiten oder Migrantenkinder der dritten Generation. Das sind vor allem orientierungslose, testosterongesteuerte Jungs, die nicht wissen, wohin mit ihrer ganzen Kraft. In diesen Organisationen entdecken sie den Islam und es sagt ihnen jemand genau, wie sie zu leben haben. Das gibt plötzlich ein Gefühl von Selbstbewusstsein und Stärke. Potenzielle Attentäter wie jene der sogenannten "Sauerlandgruppe" sind eine Randerscheinung. Das sind spätpubertierende Typen, die von Osama bin Laden eine zeitlang fasziniert sind. Oft sind das Leute mit sehr geringen Kenntnissen des Islam.

sueddeutsche.de: Wie steht es um die Strahlkraft Osama bin Ladens?

Pohly: Insgesamt hat die Faszination für Osama bin Laden stark nachgelassen. Viele seiner ehemaligen Sympathisanten sehen ihn nicht mehr als Robin Hood, der sich gegen die Mächtigen im Westen auflehnt. Mit Selbstmordattentaten hat er viele seiner Anhänger sinnlos verheizt. Mit der Aussicht auf 99 Jungfrauen im Paradies holen Terror-Chefs kaum noch jemanden hinter dem Ofen vor.

sueddeutsche.de: Innenminister Schäuble fordert im Kampf gegen den islamistischen Terror weitere Überwachungsbefugnisse für die Sicherheitskräfte wie etwa heimliche Wohnungsdurchsuchungen. Sind das probate Mittel, um der Gefahr Herr zu werden?

Pohly: Schäuble ist ein Sicherheitsfanatiker. Sein Weg hin zum Überwachungsstaat halte ich für Schwachsinn. Die groß angelegte Beobachtung der Bevölkerung bringt nichts. Bei konkreten Verdachtsfällen hat der Staat schon heute alle Mittel, die er braucht, um die Gefahr zu beseitigen. Er muss den bestehenden Rechtsrahmen nur ausnutzen.

sueddeutsche.de: Was müsste dann passieren?

Pohly: Die islamistische Gefahr in Deutschland ist auch ein Zeichen von gescheiterter Integration von Migranten. Integration muss schon im Kindergarten beginnen. Die Leute müssen wirkliche Bildungschancen bekommen. Wenn die Jungen Arbeit haben und eine Familie, die sie ernähren müssen, dann haben sie gar keine Zeit mehr für solchen Terror- Schwachsinn.

Michael Pohly, 52, ist einer der renommiertesten deutschen Islamforscher und Terror-Experten.