Verfassung in Ägypten Zündstoff mit 234 Artikeln

Ägyptens Islamisten haben eine Verfassung geschrieben, in der sich weder Christen noch Liberale wiederfinden. Nun wollen die religiösen Fundamentalisten das neue Recht überfallartig in Kraft setzen. Doch ihr Spiel ist riskant.

Ein Kommentar von Sonja Zekri, Kairo

Sie hätte die Krönung des Freiheitsstrebens sein sollen, aber nun ist sie eine Quelle des Streits. Ägyptens Islamisten haben allen Versprechungen zum Trotz eine Verfassung geschrieben, in der sich Christen und Liberale nicht wiederfinden. Und in einer überfallartig anberaumten Abstimmung wollen sie diese nun in Kraft setzen.

Präsident Mohammed Mursi gibt vor, das Land beruhigen zu wollen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mehr als alles andere ist die Verfassung für die Gegner der Islamisten der Beweis, dass diese Frauenrechte einschränken und den Religiösen das letzte Wort über Fragen von Recht und Moral zusprechen wollen.

Das Spiel der Islamisten ist riskant: Nachdem der Protest gegen Mursis Machterweiterung eine Ahnung davon gegeben hat, wie breit die Front gegen ihn ist, wollen die Muslimbrüder nun das meiste aus jenen Institutionen herausholen, in denen ihnen die Mehrheit sicher ist. Das sind die Verfassungskommission sowie das Oberhaus, der Schura-Rat, der dank der neuen Verfassung Gesetze erlassen soll.

Beschleunigung des Übergangs nennen dies die Muslimbrüder - aber es ist ein Übergang zu ihren Bedingungen. Und es ist ein Drahtseilakt. Denn auch Mursis Gegner haben sich eingegraben, durch die jüngsten Protesterfolge zu Kompromisslosigkeit beflügelt. Beide Seiten setzen auf Eskalation. Diese Verfassung ist noch lange nicht angenommen.