Verena Becker und die Stasi Die Notizen des Stasi-Majors

Ein brisanter Aktenvermerk vom 2. Februar 1978 belegt das starke Interesse der DDR an der RAF. Stimmt der Inhalt, müsste die Geschichte der BRD umgeschrieben werden.

Von Hans Leyendecker

Der Aktenvermerk ist nur vierzehn Zeilen lang, aber wenn der Inhalt zutreffend wäre, müsste die Geschichte der Bundesrepublik umgeschrieben werden.

Am 2. Februar 1978 tippte der Stasi-Major Siegfried J. eine Notiz über die "BRD-Terroristin" Verena Becker: "Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B. seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird. Diese Informationen wurden durch Mitteilungen der HVA von 1973 und 1976 bestätigt".

Übersetzt hieße das: Schon als blutjunge Anarchistin, dann als Mitglied der Bewegung 2. Juni und später der RAF soll die im Juli 1952 in Berlin geborene frühere Terroristin heimlich mit dem westdeutschen Verfassungsschutz kooperiert haben. Der Begriff "unter Kontrolle gebracht" meint eigentlich "Zusammenarbeit".

"Mord im Staatsauftrag"

Da Verena Becker nach dem Mordanschlag auf den früheren Generalbundesanwalt Siegfried Buback und dessen beide Begleiter im April 1977 die Bekennerbriefe in der Hand hatte, wären westdeutsche Nachrichtendienste quasi mit einer Quelle dabei gewesen. "Mord im Staatsauftrag" würde die weitere Fortsetzung dieser wüsten Verschwörungstheorie lauten.

Die These erscheint ebenso unsinnig wie viele der Theorien über den Buback-Mord, die in den vergangenen Wochen verbreitet wurden. In der insgesamt 215 Blatt umfassenden Stasi-Akte über die einstige RAF-Terroristin, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, finden sich keine weiteren Hinweis auf irgendeine angebliche Zusammenarbeit von Verena Becker mit dem Verfassungsschutz vor ihrer Festnahme im Mai 1977. Auch gibt es in den zahlreichen anderen Akten über den westdeutschen Verfassungsschutz oder über RAF-Leute nichts, was diesen üblen Verdacht weiter nähren könnte.

Es gibt nur eine Erklärung: Der Stasi-Major Siegfried J., ein gelernter Modellbauer, dessen Notiz jetzt Verwirrung stiftet, hatte sich missverständlich ausgedrückt. Dabei war er eigentlich ein erfahrener Mann: Seit 1954 war er für die Stasi im Einsatz und arbeitete im Referat 2 der Hauptabteilung II des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).

Zu den Aufgaben dieser Abteilung, die in Berlin-Lichtenberg ihren Dienstsitz hatte, gehörte unter anderem die Spionageabwehr, aber auch die Absicherung chilenischer Emigranten in der DDR. Das Referat 2 war das "operative Leitzentrum" dieser Abteilung.

Die Akte der Stasi über die ehemalige Terroristin, die wegen einer angeblichen Beteiligung am Mordanschlag auf Buback seit ein paar Tagen in der Justizvollzugsanstalt Bühl einsitzt, ist dennoch ein Stück deutscher Geschichte. Die Unterlagen zeigen, dass sich das MfS ähnlich intensiv wie die westdeutschen Fahnder für die RAF-Kämpfer im Untergrund interessierte und dass sie damals über hervorragende Zuträger im westdeutschen Sicherheitsapparat verfügte.

Viele Seiten füllen Berichte über die Großfahndung in der Bundesrepublik nach dem Buback-Attentat. Minutiös wird aufgeführt, wer nach wem fahndete. Die eigenen Quellen wurden einerseits wegen der "verstärkten Fahndungsmaßnahmen" gewarnt, andererseits sollten sie Informationen über die Hintergründe des Terroranschlags liefern.

Das MfS hatte diverse Inoffizielle Mitarbeiter in der autonomen Szene des Klassenfeindes platziert. Die Akten "Stern" I und II der Stasi etwa enthielten viel Wissen über die RAF-Kader im Westen und auch über die Aussteiger in der DDR. Denn nach der Wende stellte sich heraus, dass Ost-Berlin zehn RAF-Mitgliedern der zweiten Generation eine Art Exil geboten hatte.

Über die "Telefonistin" Verena Becker, deren Alias-Namen "Sola", "Pohlmann" und "Telse" in den Akten genannt werden, findet sich früh die Einschätzung, sie sei "charakterlich weich veranlagt", "politisch ungebildet" und verfüge über "keinen eigenen Standpunkt". Sie habe sich zwar "an verschiedenen terroristischen Unternehmungen beteiligt, wurde jedoch von der Gruppe eher als Belastung angesehen".

In Beckers Stasi-Akte wimmelt es von Fehlern

Ein Onkel der damaligen Terroristin wird auch über sie befragt. Er erzählt viel und weiß wenig. Er wisse " sicher", wird er zitiert, dass die Nichte an der Aktion Buback (BRD) beteiligt war". So seht es in einem Vermerk vom 6. Januar 1978. Das Gespräch hatte drei Monate zuvor stattgefunden.

Sicher? Der Verwandte erklärte, die Nichte "gehöre der Terrororganisation an, die die Sache mit Schleyer gemacht" habe. Gegenwärtig sei sie "unbekannten Aufenthalts". Unbekannt? Sie wartete auf einen Prozess wegen sechsfachen Mordversuchs. Die Akte Becker zeigt, dass die Stasi nicht gerade der Eckermann der deutschen Geschichte ist, denn in den Berichten wimmelt es von Fehlern.

Interessant nur, über welches Material die im Osten verfügten. In der Becker-Akte befindet sich beispielsweise ein vertraulicher Vermerk eines Bonner Anti-Terror-Spezialisten, der nach der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" durch arabische Terroristen im Oktober 1977 fünf RAF-Leute - unter ihnen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Verena Becker - befragt hatte, ob sie bereit seien, sich nach Somalia ausfliegen zu lassen.

Baader antwortete: "Nur, wenn das Kommando tatsächlich Somalia genannt hat". Becker unterschrieb das ihr vorgelegte Schriftstück mit einem knappen "Ja".

Was aus den RAF-Terroristen geworden ist

mehr...