Verdacht auf Kindesmissbrauch Neonazi Tino Brandt in Untersuchungshaft

Er gilt als Hauptzeuge im NSU-Prozess, war Anführer der Neonazi-Kameradschaft "Thüringer Heimatschutz" und arbeitete als V-Mann für den Verfassungsschutz. Jetzt ermittelt die Polizei wegen Kindesmissbrauchs gegen Tino Brandt. Außerdem steht ein weiterer Verdacht im Raum.

Von Tanjev Schultz

Der Tino Brandt sei ihr unsympathisch, soll Beate Zschäpe mal bei einer Vernehmung Mitte der Neunzigerjahre gesagt haben. Andere behaupten, Zschäpe und ihre Freunde hätten Brandt damals bewundert, weil der politisch so aktiv gewesen ist. Tino Brandt war damals Anführer der Neonazi-Kameradschaft "Thüringer Heimatschutz".

Was viele damals nicht wussten, manche aber ahnten: Zugleich war Brandt auch ein V-Mann des Verfassungsschutzes. Ihm lieferte er in den Jahren von 1994 bis 2001 regelmäßig Informationen, auch über das untergetauchte Trio aus Jena, das 1998 verschwunden war. Das alles macht Brandt zu einem der wichtigsten Zeugen im NSU-Prozess. Im Juli soll er drei Tage hintereinander vernommen werden.

Nun allerdings stehen ihm noch ganz andere Vernehmungen bevor. Brandt sitzt seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Gera bestätigte am Donnerstag entsprechende Informationen der Thüringer Allgemeinen. Brandt wird sexueller Missbrauch vorgeworfen.

Wie die Süddeutsche Zeitung erfuhr, soll ein Jugendlicher Brandt schwer belastet haben. Der Betroffene soll zum Zeitpunkt der Tat jünger als 14 Jahre gewesen sein. Der Missbrauch soll Ende vorigen beziehungsweise Anfang dieses Jahres begangen worden sein. Tino Brandt mache derzeit keine Angaben zu den Vorwürfen.

Ermittler durchsuchten Brandts Wohnung

Die Ermittlungen gegen den 39-Jährigen liefen zunächst wegen des Verdachts der Zuhälterei. Angeblich soll Brandt Jugendliche oder junge Männer an Freier vermittelt und dafür Wohnungen angemietet haben. Seine eigene Wohnung war vorige Woche durchsucht worden; dabei wurde mögliches Beweismaterial sichergestellt. Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen. Seit mehr als zwei Jahren laufen gegen Brandt auch Ermittlungen wegen Betrugs, weshalb es bei ihm zuvor bereits einmal eine Durchsuchung gab.

Schon in der Zeit, als Brandt für den Verfassungsschutz gespitzelt hat, gab es immer wieder Verfahren gegen ihn - zu einem rechtskräftigen Urteil kam es jedoch nicht. In den NSU-Untersuchungsausschüssen fanden sich Hinweise darauf, dass der Verfassungsschutz ihren Informanten vor Polizeiaktionen warnte.

Brandt soll insgesamt etwa 100 000 Euro vom Amt bekommen haben, er gab später an, er habe das Geld auch für seine politische Arbeit verwendet. Er soll beispielsweise auch Geldstrafen bezahlt haben, die der Neonazi André K., ein früherer Freund der NSU-Terroristen, nicht begleichen konnte.

Brandt wurde zwischen 1998 und 2001 vom Verfassungsschutz in die Suche nach Beate Zschäpe und ihren beiden Freunden eingebunden. Er lieferte immer wieder Hinweise, aber letztlich kam es nie zu einer Lokalisierung und zu einer Festnahme des Trios. Ob Brandt damals wirklich alles, was er wusste, zuverlässig ans Amt weitergab, gehört zu den Fragen, die im NSU-Prozess noch eine Rolle spielen werden. Bisher gibt es keinen Hinweis darauf, dass Brandts Aussage als Zeuge im NSU-Prozess durch die Festnahme hinfällig wird.