Vatikan und Juden Rabbiner: Papst ist respektlos

Italiens Juden werfen dem Vatikan Überheblichkeit vor. Papst Benedikt halte den Dialog für nutzlos, "weil sowieso die Überlegenheit des christlichen Glaubens bezeugt" werde.

Von Stefan Ulrich, Rom

Das Verhältnis zwischen den Juden in Italien und dem Vatikan hat sich deutlich verschlechtert. Italienische Rabbiner werfen Papst Benedikt vor, er sei nicht am Gespräch mit dem Judentum interessiert und lasse es an Respekt gegenüber Andersgläubigen mangeln. Benedikt halte den Dialog für nutzlos, "weil sowieso die Überlegenheit des christlichen Glaubens bezeugt" werde, schreibt der Ober-Rabbiner von Venedig, Elia Enrico Richetti, in einem scharfen Artikel für die Jesuiten-Zeitschrift Popoli.

Von Rabbinern in Italien massiv kritisiert: Papst Benedikt.

(Foto: Foto: dpa)

Darin wirft er Benedikt vor, der Papst wolle die vergangenen 50 Jahre der Kirchengeschichte, die eine Annäherung an das Judentum brachten, streichen. Aus Protest werden die italienischen Rabbiner diesen Samstag den traditionellen Tag des Judentums boykottieren, den die italienische Bischofskonferenz jährlich am 17. Januar ausrichtet.

Der Ober-Rabbiner von Venedig hält Papst Benedikt insbesondere vor, dass dieser 2007 einer alten Form der Karfreitagsfürbitten wieder mehr Verwendung bei Gottesdiensten zugestand. Darin wird sinngemäß für eine Bekehrung der Juden zu Christus gebetet. Richetti meint: "Wenn ich verlange, dass mein Nächster so wie ich werde, damit er der Rettung würdig ist, respektiere ich seine Identität nicht." Deshalb sei es logisch, wenn die Zusammenarbeit zwischen dem italienischen Judentum und der katholischen Kirche unterbrochen werde.

Der heftige Kommentar des Ober-Rabbiners kommt zu einem Zeitpunkt, da die Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Judentum ohnehin ziemlich belastet sind. Neben den Karfreitagsfürbitten nährt vor allem eine mögliche Seligsprechung von Papst Pius XII. den Streit. Viele Juden werfen Pius vor, er habe zur Zeit des Nationalsozialismus zum Holocaust geschwiegen und sich nicht ausreichend bemüht, Juden zu retten. Papst Benedikt lobte vergangenen Herbst dagegen mehrfach seinen Vorgänger. Zu weiteren Irritationen unter Juden kam es, als ein Kurienkardinal kürzlich die Situation der Palästinenser im Gaza-Streifen mit einem "großen Konzentrationslager" verglich.

Besondere Brisanz bekommen diese Konflikte, weil der Papst womöglich im Mai das Heilige Land besuchen will. In der Kirche wird daher nun versucht, die Gemüter zu beruhigen. Mehrere hohe Geistliche betonten am Mittwoch in Interviews, Benedikt XVI. liege sehr wohl viel am Dialog mit den Juden. Der Papst sei davon überzeugt, dass man miteinander sprechen und zusammenarbeiten müsse, sagte etwa Kurienkardinal Walter Kasper. Dabei müsse man sich jedoch bewusst sein, "dass wir fundamentale Unterschiede im Glauben haben". Diese gelte es zu respektieren.