Vatikan "Törichtes Vorurteil"

Fünf Jahre ist Papst Franziskus jetzt im Amt. Die wichtigste Würdigung kommt von seinem Vorgänger Benedikt: Der lobt ihn als "Mann tiefer philosophischer und theologischer Bildung." Die Unterschiede zu ihm selbst lägen in Stil und Temperament.

Von Matthias Drobinski

Fünf Jahre ist nun Papst Franziskus im Amt; zum Jahrestag hat es reichlich Würdigungen seiner Arbeit gegeben. Die wichtigste darunter kommt selbstverständlich von Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI., dessen Rücktritt im Februar 2013 erst die Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio möglich machte. Es ist allerdings eine sehr eigene Würdigung, die der emeritierte Papst da geschrieben hat; eine, die viel aussagt über die gegenwärtigen Auseinanderstzungen in der katholischen Kirche.

Benedikt hat nämlich einen Brief an Dario Viganò geschrieben, den Präfekten des vatikanischen Mediensekretariats - Viganò stellte zum Jahrestag der Papstwahl eine Buchreihe zur Theologie Bergoglios vor. Der papa emeritus beklagt dort das "törichte Vorurteil, wonach Papst Franziskus bloß ein praktisch veranlagter Mann ohne besondere theologische und philosophische Bildung sei, während ich selbst nur ein Theoretiker der Theologie gewesen wäre, der wenig vom konkreten Leben eines heutigen Christenmenschen verstanden hätte"; die elf Bände aber "zeigten zu Recht, dass Papst Franziskus ein Mann tiefer philosophischer und theologischer Bildung ist, und sie helfen somit, die innere Kontinuität zwischen den beiden Pontifikaten zu sehen, wenn auch mit allen Unterschieden in Stil und Temperament".

Dieser Franziskus ist kein so schlechter Theologe, wie alle denken? In dieser Lesart wäre das Lob des Vorgängers für den Nachfolger wie eine dieser Süßigkeiten aus den Harry-Potter-Geschichten, die auf einmal ziemlich eklig schmecken. Für Benedikt geht es aber vielmehr um zwei ihm wichtige Anliegen: Er möchte die Kontinuität zwischen ihm und Franziskus herausstellen - gegen die bei Journalisten und im Kirchenvolk verbreitete Wahrnehmung, dass es doch einige Unterschiede in der Amtsführung und der Theologie der beiden Päpste gibt. Für den Ex-Papst sind das lediglich Fragen des Stils und des Temperaments, und damit ist auch sein Rücktritt kein Bruch, kein Zeichen der Krise oder gar des Scheiterns, sondern die Übergabe des Amtes an einen Nachfolger, der das Erbe bewahrt und fortführt.

Das ist der eine Aspekt des Briefes: Benedikt möchte Herr der Interpretationen dieses Übergangs sein. Der Brief aber signalisiert auch den Gegnern des Neuen, die gerne Benedikt als Kronzeugen gegen Franziskus in Stellung bringen würden: Da mache ich nicht mit; ihr treibt keinen Keil zwischen mich und den Nachfolger. Offensichtlich, so urteilt die italienische Zeitung Corriere della Sera, gibt es eine hartnäckige Gegnerschaft zum Papst, "die jeden Tag droht, den argentinischen Pontifex anzugreifen und ihm Legitimität abzusprechen - und die Ausmaße annimmt, die den Vatikan alarmieren". Und fährt fort: "Auf das bescheidende Charisma von Benedikt zurückgreifen zu müssen, um Franziskus zu unterstützen, ist bei genauem Hinsehen ein Signal, über das man nachdenken muss."