Vatikan Römisch-katholischer Dünkel

Papst Benedikt kommt den Leuten entgegen, die die Kirche ins 19. Jahrhundert zurückverfrachten wollen - so hat er dem Ungeist die Tür geöffnet.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Der Vatikan ist nicht einfach nur schlecht organisiert, wie Kardinal Walter Kasper glauben machen möchte.

Der Vatikan ist schlecht regiert.

Es regiert dort nicht mehr der aufgeklärte Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, nicht mehr der Geist der Ökumene, der Geist der Brüderlichkeit und der Geist der Duldsamkeit gegenüber anderen Religionen. Es regiert dort wieder der alte vorkonziliare römische Herrschaftsanspruch und der alte katholische Dünkel. Duldsam ist dieser Vatikan nur denen gegenüber, die die Errungenschaften des Konzils als Verirrung verurteilen.

Die Pius-Bruderschaft will das Konzil ungeschehen machen. Wenn der Papst die Exkommunikation der Bischöfe dieser Sekte aufhebt, ist das kein "Akt väterlicher Güte", sondern ein Akt der Sympathie.

Papst Benedikt hat die Exkommunikation nämlich ohne jede Gegenleistung der Konzilsfeinde aufgehoben - und ohne Anhörung der betroffenen nationalen Bischofskonferenzen. Er hat autoritär und autokratisch entschieden: Das ist der wahre Organisationsmangel, aber dahinter steckt Absicht und Methode: der römische Zentralismus, den das Konzil abbauen wollte, ist stärker denn je.

Es mag sein, dass der Papst von antisemitischen Tiraden des Bischofs Williamson nichts gewusst hat (obwohl man sich das angesichts der Akribie, mit der ansonsten das Leben jedes Würdenträgers durchleuchtet wird, nicht vorstellen kann).

Es bliebe auch dann die Tatsache, dass er Leuten entgegenkommt, die die Kirche ins 19.Jahrhundert zurückverfrachten wollen, die das Konzil als Fortsetzung der französischen Revolution und als Guillotinierung der wahren Religion beschimpfen. Der Vatikan hat dem Ungeist die Tür geöffnet.