Vatikan "Etwas absolut Monströses"

Papst Franziskus geißelt den sexuellen Missbrauch in der Kirche. Dazu gehört auch, dass er sich offen mit den Opfern von Missbrauch solidarisiert.

Von Matthias Drobinski

Er war neun Jahre alt, Ministrant in Fribourg in der Schweiz, und eines Tages war da Pater Joël, der lud ihn zu sich nach Hause ein. Mutter und Großmutter waren stolz, dass ein Priester sich um den Bub kümmerte. Daniel Pittet aber ging "vier Jahre durch die Hölle", wie er sagt. Regelmäßig verging sich der Pater an ihm. Pittet ist heute ein gestandener Mann, Familienvater, engagierter Katholik. Das Martyrium aber bleibe, zeige sich in "unsäglichen Angstzuständen", erzählt er der Zeitung Blick. Nun hat Pittet seine Geschichte aufgeschrieben, mit drastischen Schilderungen des Erlebten, mit allem Zorn auf den Vergewaltiger. Es ist nicht das erste Buch über sexuelle Gewalt durch katholische Priester. Es ist aber das erste, zu dem ein Papst ein Vorwort geschrieben hat.

Die Kirche soll "extreme Strenge" walten lassen, gegenüber Tätern und jenen, die sie decken

Franziskus traf 2015 Pittet, der erzählte ihm seine Geschichte - und als er dann den Papst um ein Vorwort fragte, sagte der Ja, zu Pittets großer Überraschung. Die Begegnung mit dem Betroffenen habe ihm erneut gezeigt, welche "beängstigenden Schäden sexueller Missbrauch auslöst", schreibt der Papst, und wie schmerzhaft die Aufarbeitung für die Opfer sei. Einige von ihnen seien sogar in den Selbstmord getrieben worden. "Diese Toten beschweren mein Herz, mein Gewissen und das der ganzen Kirche,"schreibt Franziskus, und: "Es handelt sich um etwas absolut Monströses, ein grauenhaftes Verbrechen, das radikal entgegen all dem ist, was Christus uns lehrt". Die Kirche müsse hier "extreme Strenge" walten lassen, gegenüber den Tätern und jenen, die ihre Taten decken.

Das liegt auf der Linie von Papst Franziskus' Politik: Bei sexueller Gewalt darf es keine Toleranz geben. Wie schwer das umzusetzen ist, zeigt allerdings Pittets Geschichte: Als er das Buch schrieb, besuchte er seinen damaligen Peiniger, einen heute 76-Jährigen, "der alles herunterspielt und sich seiner Verantwortung entzieht". Er habe dem Mann vergeben, sagt er. Doch der Kapuzinerorden und die Diözese Lausanne suchen nun nach weiteren Opfern - und nach Erklärungen dafür, warum der Mann immer nur innerhalb des Ordens versetzt wurde, wenn wieder eine Geschichte ruchbar wurde.