Von Matthias Kolb

Heute erscheint in Russland ein neuer Film: Die kitschige Handlung hat erstaunliche Parallelen zur Biographie von Noch-Präsident Putin. Die Macher sprechen von einem Zufall - im Kreml ist man verärgert.

Ein junger Jurist lernt in Leningrad eine blonde, attraktive Flugbegleiterin kennen. Die beiden verlieben sich und ziehen nach Dresden, wo der Mann beim Geheimdienst arbeitet. Zurück in Russland wechselt der sportliche Ex-Agent in die Politik und macht Karriere, bis das Präsidentenamt zum Greifen nahe ist.

Bild vergrößern

Das Titelbild der DVD, die heute in Russland erscheint - Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig (© Foto: dpa)

Anzeige

Doch das Paar durchleidet Schicksalsschläge: Bei einem Autounfall wird die Ehefrau schwer verletzt und braucht die besondere Pflege des Mannes. Ein Feuer in der Datscha bedroht das Leben der beiden Töchter, bis sie der Vater aus den Flammen retten kann. In den Trümmern findet er ein silbernes Kreuz - und entdeckt seinen orthodoxen Glauben wieder.

Dieser Plot ist den Russen wohlbekannt: Es ist die Lebensgeschichte ihres Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin. Am heutigen Valentinstag erscheint ein Spielfilm mit dem Titel "Ein Kuss - nicht für die Presse" über das Leben des Politikers Alexander Alexandrowitsch Platow.

Trotz der offensichtlichen Ähnlichkeiten spricht Produzent Anatoli Woropajew von Zufall. Grund für die Vermutungen sei nur die Haarfarbe von Hauptdarsteller Andrej Panin, verkündet Woropajew treuherzig: "Hätte Panin braune Haare, würde man ihn mit einem anderen Politiker vergleichen." Putins Wunschnachfolger Dimitrij Medwedjew ist braunhaarig.

Es gebe bereits Filme über Oligarchen und Banditen, aber noch keinen Streifen über Politiker, erklärt Woropajew bei der Vorstellung. Sein Film soll einen anderen, persönlicheren Blick auf das Leben eines Politikers werfen.

In der Werbebroschüre ist zu lesen: "Der Politiker ist nur der Mann, den wir in den Nachrichten, auf den Titelseiten oder bei offiziellen Terminen sehen. Er ist auch Familienoberhaupt, liebender Ehemann und ein fürsorglicher Vater und Sohn."

Imagekampagne oder wirtschaftliches Kalkül

Die russischen und internationalen Medien glauben nicht an die Version der Macher. Die New York Times lästerte: "Love Story. The Putin Chronicles" wäre der richtige Titel gewesen. So wird in Moskau munter über die wahren Hintergründe spekuliert. Einige Journalisten vermuten, die Produzenten setzen wie viele Künstler auf die enorme Popularität des Präsidenten - getreu der Devise: "Putin verkauft sich immer."

Andere Beobachter glauben vielmehr, "Ein Kuss - nicht für die Presse" solle das Image des Kremlchefs verbessern. Der Kulturwissenschaftler Daniil Dondurej hatte noch vor wenigen Monaten im Nachrichtenmagazin Russki Newsweek analysiert: "Dem Putin-Bild fehlt ein Stück Menschlichkeit."

Gut zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl, die Medwedjew aller Voraussicht nach gewinnen wird, ist nach dieser Interpretation ein guter Zeitpunkt für die Imagekorrektur. Putin selbst kann nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten und möchte das mit weniger Macht verbundene Amt des Ministerpräsidenten übernehmen.

Im Kreml will man von dieser Interpretation nichts wissen. Die Boulevardzeitung Moskowski Komsomolez berichtet, dort sei der Streifen "Ganz oben" auf Missfallen gestoßen, weshalb der Film auch nur auf DVD erscheine und nicht in die Kinos komme. Die Gerüchte, Ludmila Putina persönlich habe am Drehbuch mitgeschrieben, weisen Produzent Woropajew und Regisseurin Olga Schulina zurück.

Unabhängig von den Hintergründen wird das Interesse der Russen enorm sein: Angeblich liegen schon mehr Vorbestellungen vor, als vom Hollywood-Blockbuster "Fluch der Karibik" insgesamt verkauft wurden. Dies hat vor allem zwei Gründe: Die DVD ist mit 149 Rubel (circa vier Euro) recht günstig und zudem wissen die Menschen zwischen Kaliningrad und Wladiwostok wenig über die Familie ihres Präsidenten.

Die beiden Putin-Töchter sind nie in der Öffentlichkeit zu sehen und auch Ludmila Putina meidet das Rampenlicht. In Erinnerung sind lediglich die Bilder des Restaurantbesuchs nach der für ihren 55-jährigen Ehemann Wladimir erfolgreichen Dumawahl im Dezember sowie der Ausflug in der Kutsche mit dem Ehepaar Schröder.

Veröffentlichung mit Verspätung

Laut Anatoli Woropajew kostete der Streifen weniger als fünf Millionen Dollar und wurde von privaten Investoren finanziert. Man hoffe, "Ein Kuss - nicht für die Presse" auch in Berlin und Dresden zeigen zu können. Obwohl der Film bereits 2003 fertig war, erscheint er nun mit fünf Jahren Verspätung. Der Grund: Produzent Woropajew stieg als Vizegouverneur in den Regionen Tula und Stawropol selbst in die Politik ein: "Es wäre unangemessen gewesen, den Film zu zeigen, solange ich politisch aktiv war."

Dass der Film nun zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl erscheint, sei ebenfalls Zufall. "Ein Kuss - nicht für die Presse" sei ideal als Unterhaltungsprogramm für den Valentinstag, glaubt Produzent Woropajew. "Es ist vor allem eine Familiengeschichte und sie wird vor allem von Frauen verstanden werden, deren Ehemänner ständig arbeiten müssen."

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/gba)