Von Christian Wernicke

Der künftige US-Präsident Obama muss seine Regierung zusammenstellen. 240.000 Amerikaner haben allein im Oktober ihren Job verloren - nun hofft das Land auf den Finanzminister.

Die Neugier gehorcht der Lage der Nation. Zwar fechten die Vereinigten Staaten zwei Kriege aus, und erst am Donnerstag hat Amtsinhaber George W. Bush sein Volk vor stetig lauernder Terrorgefahr gewarnt. Doch scheint die Frage, wer von Januar an das Land - qua Amt als Verteidigungs- oder Außenminister, als Sicherheitsberater oder Geheimdienstchef - gegen Feinde von außen schützen sollen, dieser Tage zweitrangig zu sein. Viel eifriger jagen Amerikas Medien einer anderen Personalie hinterher: dem künftigen US-Finanzminister.

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(© Foto: AFP)

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Der nächste Secretary of the Treasury ist die Schlüsselfigur im Kampf gegen Amerikas innere Not. Am Freitag wurde bekannt, dass 240.000 Menschen im Land allein im Oktober ihren Job verloren haben. Da passte es telegen ins Bild, dass Barack Obama, der designierte Präsident, sich am selben Tag in Chicago zur Krisensitzung mit seinen Wirtschaftsberatern traf - wen er für das Amt benennen wird, sagte er anschließend aber noch nicht.

Sie beratschlagten unter anderem, ob und wie der Staat die Konjunktur eiligst mit einem Paket anregen soll: Im Gespräch sind schuldenfinanzierte 100 Milliarden Dollar, um noch vor Weihnachten öffentliche Job-Programme zu finanzieren, mehr Essensmarken für Arme und eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes.

Mit am Tisch saß Larry Summers, einer der Favoriten für den Posten des Finanzministers. Der 53-jährige Wirtschaftsprofessor und Ex-Präsident der Harvard-Universität war schon einmal unter Bill Clinton der oberste Dienstherr in dem klassizistischen Büroklotz gleich hinter dem Weißen Haus. Und genau das ist das sein Problem: Denn damals stand Summers für einen marktliberalen Kurs, für mehr Freihandel, für mehr Deregulierung der Finanzmärkte. Derartiges ist mittlerweile nicht nur unter Amerikas Demokraten in Verruf geraten.

Summers hat Selbstkritik geübt. Er hat sehr bedauert, dass er sich 2005 mit kruden Bemerkungen über die genetische Disposition von Frauen für mathematisch-logisches Denken um sein Amt in Harvard quatschte. Und er plädiert inzwischen für strengere Kontrollen des Handels mit waghalsigen Derivaten und verlangt eine aktivere Politik gegen die zunehmend ungleiche Einkommensverteilung in den USA.

Nur, das löst nicht das Kernproblem von Barack Obama: In Summers würde der Prophet der Erneuerung seiner Nation ein allzu bekanntes Gesicht zumuten. Wahrer Wandel verlangt neue Köpfe, nicht die Wiederkehr der Clinton-Garde.

Obama hat versprochen, schnell zu entscheiden

Genau deshalb blicken politische Spekulanten nun auf Timothy Geithner. Als brillanter Beamter war der heute 47-Jährige ein enger Berater von Summers, als Ende der neunziger Jahre Asiens Finanzmärkte kollabierten. Inzwischen ist er oberster Notenbanker von New York. Damit sitzt er schon jetzt im Kampf um die Rettung der Wall Street auf einer Schlüsselstelle: Er stimmte mit, da die Fed zuletzt reihenweise die Zinsen senkte. Und er drängte Banken und Finanzbroker zu mehr Transparenz bei ihren Geschäften. Obama hat versprochen, über Schlüsselposten seiner Regierung schnell zu entscheiden.

Seine Vertrauten raunen, das Kabinett solle noch im November stehen. Dieser Zeitdruck nährt Mutmaßungen, der 44. Präsident wolle nicht jedes Ministeramt neu besetzen: Robert Gates, der ruhige und unideologisch agierende Pentagonchef, könnte deshalb auch 2009 noch dem Pentagon vorstehen. Es ist nicht bekannt, ob Gates dazu bereit ist. Er täte Obama einen großen Gefallen, denn mit einem Republikaner als Verteidigungsminister könnte der Demokrat seinen überparteilichen Geist unter Beweis stellen - wie einst Bill Clinton.

Und noch ein Republikaner gilt in Washington als ministrabel: Chuck Hagel, der scheidende US-Senator aus Nebraska, ist zwar ein meist undiplomatisch agierender Dickschädel. Aber ausgerechnet er wird nun als Außenminister gehandelt. Hagel kämpfte als Soldat in Vietnam, zählte zu den frühesten Kritikern des Irakkrieges, genau wie John Kerry, der andere Favorit für das Amt.

Ein Kennedy könnte die mächtige Umweltbehörde EPA leiten

Der Präsidentschaftskandidat von 2004 war einer der ersten demokratischen Promis, der Obama im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton unterstützte. Bill Richardson, der dritte Name mit Klang für das Außenamt, lief erst Monate später zu Obama über. Für Clintons früheren Energieminister und UN-Botschafter spricht jedoch, dass er Latino ist. Dieser Wählergruppe verdankt Obama in mehreren Bundesstaaten seine Siege.

Als Signal an die vielen Sozialverbände und Ökogruppen, die Obamas Kampagne mittrugen, darf man eine schillernde Personalie deuten: Robert F. Kennedy, der Sohn des 1968 ermordeten Bobby Kennedy, könnte die mächtige Umweltbehörde EPA leiten. Der 54-jährige Jurist hat sich einen Namen als Anwalt von Umweltgruppen gemacht; zudem zählte Kennedy zu den Mitbegründern der Waterkeeper Alliance, einer Organisation, die sich für sauberes Trinkwasser einsetzt.

Kennedys Ernennung dürfte auf den Widerstand der Republikaner stoßen, schließlich wurde der Harvard-Absolvent bei einer Flughafenkontrolle vor 25 Jahren mit 183 Milligramm Heroin im Gepäck erwischt. Anders als seine Cousine Caroline Kennedy, die massiv für Obama warb, hatte er sich zunächst für Hillary Clinton als demokratische Kandidatin eingesetzt. Würde er nun zum obersten Umweltschützer der Nation berufen, es wäre zugleich Obamas Dank an den gesamten Kennedy-Clan.

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(SZ vom 08.11.2008/ihe)