Von Stefan Kornelius

Strategiewechsel im Krieg gegen den Terror: US-Präsident George W. Bush befiehlt den Angriff auf Al-Qaida-Terroristen auf pakistanischem Staatsgebiet - offenbar mit stillschweigendem Einverständnis der Regierung in Islamabad.

Die USA haben ihre Strategie in Afghanistan grundlegend geändert und sollen auf Weisung von Präsident George W. Bush Al-Qaida-Terroristen nun auch auf pakistanischem Staatsgebiet angreifen. Nach mehreren Militärschlägen in den vergangenen Tagen wurde nun die bisher geheime Order Bushs bekannt.

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Ein US-Soldat zwischen Afghanistan und Pakistan (© Foto: ddp)

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Die New York Times berichtete unter Berufung auf mehrere hochrangige US-Quellen von Bushs Anweisung. Die pakistanische Führung habe stillschweigend ihr Einverständnis für die Angriffe auf das eigene Territorium signalisiert. US-Generalstabschef Mike Mullen sprach zugleich während einer Anhörung im Repräsentantenhaus von "bedeutenden politischen Unwägbarkeiten" in Pakistan. Er sei "nicht überzeugt, dass wir (zurzeit) in Afghanistan gewinnen, aber wir können gewinnen". Er sprach von einer neuen Strategie, der zufolge auf beiden Seiten der pakistanisch-afghanischen Grenze militante Kämpfer verfolgt werden sollten.

In Washington wurde seit Monaten über die Strategieänderung diskutiert. Erste Berichte über die Pläne tauchten bereits im Juni auf. Nach dem Überfall der Taliban auf einen vorgeschobenen Militärposten der USA am 14. Juli mit neun amerikanischen Toten muss sich in der US-Militärführung der Wille verfestigt haben, den Krieg in das Rückzugsgebiet der Taliban zu tragen, um die wachsende Zahl der Überraschungs-Vorstöße aus dem pakistanischen Grenzgebiet einzudämmen.

In Islamabad provozierte die Nachricht über die neue Strategie eine heftige Reaktion des Stabschefs der Armee, Generals Ashfa Parvez Kayani. Die Souveränität Pakistans werde "um jeden Preis" verteidigt, sagte er in ungewohnt harschem Ton. Der einflussreiche Stabschef warf den USA vor, sie zeigten keine "strategische Geduld" und legten es nur auf "kurzfristige Siege" an. Der US-Botschafter im Land wurde einbestellt.

Der neugewählte pakistanische Präsident Asif Ali Zardari äußerte sich bisher nicht zu den US-Angriffen. Unklar ist, ob die neue US-Strategie tatsächlich mit stillschweigendem Einverständnis der pakistanischen Militärführung beschlossen wurde und die Empörung von Stabschef Kayani aus innenpolitischen Gründen gespielt ist. Möglich ist, dass die neue Staatsführung und das Militär gegenüber der eigenen Bevölkerung nur den Eindruck erwecken wollen, dass sie die Kontrolle über die Provinzen für sich reklamieren und amerikanische Angriffe auf die Souveränität des Landes nicht zulassen wollen.

In der Grenzregion wird bin Laden vermutet

In der vergangenen Woche war es zu einem ersten großen Bodeneinsatz amerikanischer Sondereinheiten in den pakistanischen Stammesgebieten in Süd-Wasiristan gekommen. Amerikanische Einzelkämpfer sollen in einer verdeckten Operation zwei Dutzend Al-Qaida-Terroristen getötet haben und anschließend mit Hubschraubern wieder aus der Gegend geflogen worden sein.

Nach diesem Einsatz wurden mehrere Raketenangriffe im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet verzeichnet. Am Montag schließlich kam es erneut zu einem massiven amerikanischen Einsatz in Pakistan. Die Grenzregion wird vom pakistanischen Militär nicht kontrolliert und gilt als Rückzugsgebiet von Al-Qaida und den Taliban. Dort soll sich auch Osama bin Laden aufhalten.

Unterdessen gab Kanadas Premierminister Stephen Harper den Abzug seiner Soldaten aus Afghanistan für das Jahr 2011 bekannt. Kanada verzeichnet mit die höchsten Opferzahlen unter den Nato-Staaten, außerdem befindet sich das Land im Wahlkampf. US-Präsident Bush hatte vergangene Woche verkündet, die bisher 33000 Soldaten umfassende US-Truppe in Afghanistan bis kommenden Februar um nochmal 4500 aufzustocken.

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(SZ vom 12.09.2008/ihe)