Interview: Jörg Häntzschel

Der US-Publizist Fareed Zakaria über Amerikas Fixierungen und Ängste - und seine Chancen, Einfluss zurückzugewinnen.

Fareed Zakaria, der in Bombay aufwuchs und in den USA studierte, ist Chefredakteur von Newsweek International und ein gefragter Kommentator der US-Außenpolitik. In seinem viel diskutierten Buch "The Post-American World", das im Dezember auch in Deutschland erscheint, beschreibt er eine Welt, in der Amerikas Macht und Einfluss schwinden. Teils macht er dafür die verfehlte Politik der letzten Jahre verantwortlich, teils das Erstarken anderer Nationen.

Fareed Zakaria (© Foto: AP)

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SZ: Was ist an der bevorstehenden Präsidentschaftswahl so wichtig?

Fareed Zakaria: Beide Kandidaten haben gute Absichten, beide sind außergewöhnliche Persönlichkeiten. McCain hat Verdienstvolles geleistet und immer eine moderate Haltung vertreten: ob in Sachen Klimawandel, Zuwanderung, Folter oder Guantánamo. Sein großes Manko: Er steckt in der Vergangenheit fest. McCain steht für die Fortdauer einer Mentalität des Kalten Krieges. Wer so denkt, sieht die Welt immer als Schauplatz von Konfrontation.

Das ist falsch und gefährlich, kann zur self-fullfilling prophecy werden. Je mehr man das Unheil beschwört, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es einen tatsächlich ereilt. Obama schleppt nicht all diesen Ballast mit sich herum. Mit ihm hat Amerika die Chance, sich neu zu orientieren.

SZ: Was könnte Obama tun, um Amerika Relevanz zurückzugewinnen?

Zakaria: Die USA müssen sich wieder für und mit der Welt engagieren: Eine neue Architektur der Stabilität und des Friedens aufbauen helfen, die die aufstrebenden Nationen beteiligt. Obama kennt die Welt. Sein Vater ist Kenianer, sein Stiefvater Indonesier. Fremde Länder sind ihm weniger fremd. Er versteht die Hoffnungen dieser Leute. Er ist auch nicht so fixiert auf militärische Macht und militärischen Konflikt. Die Welt braucht Amerika, aber in einer neu definierten, viel differenzierteren Rolle.

SZ: Auch das Verhältnis der Regierung zu den Bürgern wird sich ändern. Wird Obama ihnen eines Tages sagen: Entspannt euch - die Gefahr eines Terroranschlags besteht weiter, aber sie ist eher gering. Und selbst wenn Fanatiker eine Autobombe zünden, bedeutet das nicht gleich Krieg; es ist die Realität, mit der andere Länder seit Jahrzehnten leben?

Zakaria: Angst zu haben galt in den letzten Jahren als eine Art Bürgerpflicht. Die Angst gab uns ein Ziel und einen Feind. Obama weiß, dass die Amerikaner mit Furcht und Hysterie gefüttert wurden, und er will das sicher ändern. Aber es wird natürlich einen Aufschrei geben. Man wird ihn weich nennen, einen Appeaser, einen neuen Neville Chamberlain. Wird er dann wie Clinton zeigen, dass er in Wahrheit knallhart ist und Truppen nach Haiti schicken oder Höhlen in Afghanistan bombardieren?

Oder wird er einen Prozess der Umerziehung initiieren und den Leuten erklären, dass Amerika stark genug ist, um die Gefahren der Welt zu überleben? Das Wichtigste für Obama ist, die Attacken auszuhalten und nicht umzufallen, wie so viele Demokraten vor ihm.

SZ: Sie schreiben, Amerika habe seine Dominanz weniger aus eigener Schwäche verloren, sondern weil mit Nationen wie China oder Indien neue Konkurrenten auftauchten. Was hat Amerika darüber hinaus falsch gemacht?

Zakaria: Wir waren in den letzten Jahren faul, arrogant, gleichgültig in unserem strategischen Denken. Wir dachten, wir müssten niemanden überzeugen, da die Leute ja ohnehin keine Alternative hätten. Was uns selbst betrifft: Wir haben die Welt globalisiert, ohne gleichzeitig die amerikanische Gesellschaft zu globalisieren. Das lässt sich an dem wachsenden Misstrauen der Amerikaner bei Themen wie Handel oder Zuwanderung ablesen, bei ihrer Haltung zu allem Fremden. Das viel offenere Amerika hatte eine ungleich bessere Ausgangslage.

SZ: Woher diese Fixierung Amerikas auf sich selbst, wo es doch kulturell und genetisch mehr Verbindungen zum Rest der Welt hat als jedes andere Land?

Zakaria: Ich glaube, dass Amerika offen war, solange diese Offenheit half, den Lebensstandard zu heben. Das neue Misstrauen hat mit der Stagnation der Einkommen in den letzten 20, 30 Jahren zu tun. Wenige haben das Gefühl, von der globalisierten Wirtschaft zu profitieren.

SZ: Europa ist neuerdings stolz auf sein Modell. Es ist nicht so nationalistisch wie Russland, nicht so autoritär wie China, nicht so unbesonnen wie die USA.

Zakaria: Europas neue Schadenfreude! Aber ich glaube, Amerika und Europa haben beide ihre Probleme. Wir versuchen es so, ihr versucht es so - aber eure staatlich regulierten Banken stehen genauso schlecht da wie unsere. Anders ist es natürlich bei Umwelt, Lebenserwartung, Gesundheitsversorgung - da kann Europa in der Tat stolz sein. Europas großes Problem ist seine demographische Struktur. Nach einer längeren Phase von Wachstum und Stabilität sind die Leute einfach nicht mehr so hungrig wie am Anfang.

Amerika bringt deshalb neue Leute ins Land, Arme und Hungrige, die bereit sind, bei 40 Grad im Schatten in Texas auf den Feldern zu arbeiten. Unsere Gesellschaft ist flüssig und dynamisch. In Europa hingegen sind Blut, Boden und das Dorf, aus dem dein Urgroßvater stammt, immer noch wichtig. In Zukunft werden wir alle möglichen Modelle sehen. Auch das autoritäre chinesische Modell wird vielen attraktiv erscheinen. Die Zeit, in der alle Straßen nach New York führten, ist vorbei.

SZ: Wie wirkt sich die Finanzkrise auf den Prozess hin zu einer post-amerikanischen Welt aus?

Zakaria: Sie beschleunigt den Trend. So wie der Irakkrieg Amerikas politische Macht delegitimiert hat, hat die Finanzkrise Amerikas ökonomische Macht delegitimiert. Ganz abgesehen davon, dass Amerika und Europa nun eine Durststrecke vor sich haben, die zehn Jahre dauern kann.

SZ: Wird die Krise die Schwellenländer nicht ebenso betreffen?

Zakaria: In China und Indien sinkt das Wachstum vielleicht auf sieben Prozent. Immer noch phänomenal! Und in diesen Ländern gibt es keine faulen Kredite, keine bankrotten Banken. Das größte Hindernis für die Schwellenländer schienen die exorbitanten Öl- und Rohstoffpreise zu sein. Doch dieses Hindernis hat der Kollaps des Westens beiseite geräumt.

SZ: Solange Amerikas Expansion voranschritt, ging es dem Land bestens. Eisenbahnen und Wolkenkratzer bauen, Menschen auf den Mond schicken, darin ist es gut. Doch in Zeiten von globalen Problemen wie Klimawandel oder schwindenden Ölvorräten ist anderes gefragt. Ist Amerika kulturell und ideologisch ausgerüstet für die neue Ära der Kollaboration, der Selbstbeschränkungen, des Feinen eher als des Groben?

Zakaria: Die Frage ist, ob Amerikas unbändige Energie, sein ungebrochener Optimismus auch helfen wird, die beste Solaranlage der Welt zu bauen. Wir müssen wieder daran glauben, dass die Zukunft hier erfunden werden kann. Was uns dazu fehlt, ist die Bereitschaft, von anderen zu lernen. Wir interessieren uns kaum dafür, was anderswo passiert. Nur zwei Prozent der Bücher, die in den USA veröffentlicht werden, sind Übersetzungen. Wir behaupten, wir hätten das beste Gesundheitssystem der Welt - weil wir kein anderes kennen. Wir müssen uns einfach mehr in der Welt umsehen, so wie wir das früher aus Angst vor dem Kommunismus gemacht haben. Fragen Sie einen gebildeten Amerikaner, wer die einflussreichsten Intellektuellen in Europa sind- niemand könnte Ihnen das sagen.

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(SZ vom 3.11.2008)