USA und Russland Keine Lust auf strategische Vorgärten

Obama ist von Putins Säbelrasseln wenig begeistert. Er will sich lieber auf innenpolitische Probleme der USA konzentrieren.

(Foto: Reuters)

Putin trauert der verstorbenen Sowjetunion nach, das wusste man. Doch seine Reanimationsversuche kamen überraschend. Einen Krieg wird es wegen der Annexion der Krim trotzdem nicht geben. US-Präsident Obama rettet lieber Detroit als Donezk.

Von Hubert Wetzel

Vorigen Sommer, als Barack Obama Europa besuchte, war es so heiß, dass er sein Jackett auszog und die Ärmel hochkrempelte, bevor er am Brandenburger Tor seine Rede hielt - dort, wo einst die Mauer Deutschland und den Kontinent teilte. Wenn der US-Präsident an diesem Montag in Europa landet, empfängt ihn ein Eishauch. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat ein Staat in Europa einem anderen mit Gewalt ein Stück seines Territoriums weggenommen; zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist Russland wieder eine Bedrohung für den Westen. Obama kommt dieses Mal in ein frostiges Europa, das wieder geteilt ist.

Man muss nicht gleich von einem zweiten Kalten Krieg reden. Im ersten, echten Kalten Krieg ging es um Leben und Tod für Millionen Menschen. Heute werden sich Amerika und Russland keine vergleichbare Auseinandersetzung liefern, die am Ende die ganze Welt erfasst. Dazu ist die Beute der Russen - die Krim - zu klein und das Opfer des Raubes, die Ukraine, zu wenig im Westen verankert. Doch man sollte sich auch nichts vormachen: Die Annexion war eine Botschaft des russischen Präsidenten Wladimir Putin an die USA und Europa. Er will den Respekt, den Russland vermeintlich verdient und den der Westen ihm angeblich nicht zollt, notfalls gewaltsam erzwingen.

Diese Aggressivität hat den Westen unvorbereitet getroffen. Die Europäer waren in den letzten Jahren mit der Rettung ihrer Währung und ihrer Union beschäftigt. In den USA kümmerte sich Obama vor allem um Innenpolitik. Wenn es um Äußeres ging, dann um Chinas Aufstieg, um Irans Atomprogramm, den Krieg in Syrien, die arabischen Aufstände oder die Abrüstung von Atomwaffen - Probleme, bei deren Lösung das Weiße Haus auf die Zusammenarbeit mit Moskau hoffte (und immer noch hofft). Zwar wusste man, dass der Mann im Kreml der verstorbenen Sowjetunion nachtrauerte. Aber man hätte nicht geglaubt, dass er eine Reanimation versuchen würde. Europa war aus amerikanischer Sicht abgehakt, eine Weltregion, um die sich die USA nicht mehr als Schutzmacht kümmern mussten.

Ob die USA und Europa Putins Herausforderung annehmen, ist noch unklar. Bisher sind die Strafen des Westens eher verhalten - ein paar Gespräche wurden abgesagt, einige Konten eingefroren; Putins Vertraute dürfen nicht einreisen. Am Rande einer Atomkonferenz in Den Haag treffen sich die führenden Industriestaaten der Welt diese Woche in ihrer alten Formation, als G7. Das achte Mitglied Russland fehlt. Doch alle wissen: Das bisschen Druck wird Putin nicht umstimmen.

Zwar sind die USA noch einen Schritt weitergegangen und haben auch eine Petersburger Bank mit Sanktionen belegt. Wirkungsvoll wäre es tatsächlich, Russlands Unternehmen vom amerikanischen Finanzmarkt abzuschneiden. Aber die Wahrheit ist (und auch das wissen alle, einschließlich Putin): Die Krim ist verloren. Und solange sich Russland keine weiteren Gebiete seiner Nachbarstaaten einverleibt, wird der Westen vor der großen Konfrontation mit Moskau zurückschrecken. Ob es so weit kommt - darüber kann nun Putin entscheiden.

Es ist kein Kriegsrat, zu dem die G-7-Länder zusammentreten, sondern ein Treffen der Ratlosen, der Überrumpelten. Für etliche europäische Länder, darunter Deutschland, steht wirtschaftlich viel auf dem Spiel, gingen sie Russland wirklich hart an. Und Obama empfindet das Denken in Einflusssphären, in strategischen Vorgärten und Hinterhöfen ohnehin als staubig und überkommen. Die USA werden die Nato-Mitglieder in Osteuropa verteidigen. Aber die Ukraine?

Wenn die bisherige Amtszeit Obamas eine Erkenntnis gebracht hat, dann diese: Nichts scheut der Präsident so sehr wie die Verwicklung in fremde Händel. Obama sieht Amerika nicht als Weltpolizisten, die Rettung von Detroit ist ihm wichtiger als die Rettung von Donezk. Obama ist kein Oberbefehlshaber, der Divisionen in ferne Schlachten entsendet. Er schickt seinen Gegnern eine Drohne. Die zivile Variante davon ist die Kontensperrung.

Barack Obama kommt also nicht als der große Schutzpatron nach Europa. Die Wut in Washington über Putins dreisten Landraub entspringt weniger geopolitischen Überlegungen. Obama ist verärgert, weil der Russe wieder mal querschießt und ihm ein Problem aufhalst, das nicht in sein politisches Kalkül passt. Obama ist kein John F. Kennedy, der bereit ist, "jeden Preis zu bezahlen, jede Last zu tragen", um die Freiheit in Europa zu verteidigen. Sewastopol im Jahr 2014 ist nicht Berlin im Jahr 1961.

Das ist beruhigend, aber auch ernüchternd: Einen Krieg um die Krim wird es nicht geben. Freiheit für die Krim aber so schnell auch nicht.