Beziehung zwischen Washington und Moskau Mär vom gedemütigten Russland

Putin empfängt Obama zum G20-Gipfel in Sankt Petersburg im September 2013.

(Foto: Roland Schlager/dpa)

Die USA haben im Umgang mit Russland Fehler begangen, aber auch viel Rücksicht genommen. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit war da. Bis Putin zum zweiten Mal Präsident wurde - und sich für den Bruch entschied.

Kommentar von Nicolas Richter

Zwischen Amerika und Russland könnte das Verhältnis so einfach sein: Beide sind einflussreich, beide sind Vetomächte im UN-Sicherheitsrat, beide brauchen einander. Vielen Weltkrisen sieht man an, ob Moskau und Washington zusammenarbeiten: Im Atomstreit mit Iran, wo sich eine Lösung abzeichnet, tun sie das. In Syrien tun sie es nicht.

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Aber wie so viele Beziehungen leidet auch diese unter Kränkungen und Missverständnissen. Russland rechtfertigt die Annektierung der Krim und die De-facto-Invasion in der Ukraine damit, dass Moskau nach dem Ende des Kalten Krieges vom Westen gedemütigt worden sei. Demnach muss ein Drittstaat Angriffe auf sein Territorium hinnehmen, weil sich zwei große Staaten gerade nicht vertragen. Nach dieser schrägen Logik könnte US-Präsident Barack Obama nach einem Disput mit Wladimir Putin auch Teile Kubas erobern.

Washingtons Umgang mit Moskau rechtfertigt Putins Politik nicht

Ja, die USA waren im Umgang mit Moskau nicht immer einfühlsam. In den Neunzigerjahren durchhallte Washington die Parole "Wir haben den Kalten Krieg gewonnen", was einiges über amerikanische Hybris, die Fixierung aufs Siegen und Verlieren und das Verharren mancher US-Politiker in Kategorien des Kalten Krieges verrät. Es war töricht von George W. Bush, gegen den Willen Russlands 2003 im Irak einzumarschieren und einen Raketenschild in Osteuropa zu planen, und es war töricht von Obama, Russland eine Regionalmacht zu nennen.

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Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es nie einen amerikanischen Plan gegeben hat, Russland zu demütigen. Präsident Ronald Reagan und sämtliche seiner Nachfolger haben Moskau immer als Partner behandelt, sogar im Kreis der G8, in den Russland eigentlich nicht gehörte. Es mag stimmen, dass die Nato-Osterweiterung dem Geist von Zusagen widerspricht, die manche westliche Politiker in den Wirren nach dem Mauerfall gegeben haben. Aber nicht der Wille zu demütigen nährte den langen Erweiterungsprozess, sondern der Wunsch der Mitteleuropäer, im Westen Schutz zu finden. Um Moskaus Sorgen zu zerstreuen, machte die Nato etliche Zugeständnisse, und am Ende lehnten es die Europäer (wenn auch nicht die USA) sogar ab, die Ukraine in die Nato aufzunehmen. Größer als die Angst vor Russland war jedenfalls oft die Angst, Russland zu demütigen. Die Mär der Kränkung durch Amerika verkennt vor allem, wie viel Entgegenkommen Obama gezeigt hat. Er strich Bushs Raketenschirm und rief einen Neustart mit Moskau aus, der vielversprechend war, solange Dmitrij Medwedjew Präsident war.

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Jetzt, da US-Außenminister John Kerry Russland besuchte, reden Moskau und Washington wieder miteinander, was der Welt nur guttun kann. Für die Zukunft dieser Beziehung sollten einige Tatsachen in Erinnerung bleiben. Die Völker Mitteleuropas wollten in die Nato. Die USA und Russland waren Partner, bis Putin zurückkehrte. Der Angriff Putins auf die Ukraine ist völkerrechtswidrig; ihn rechtfertigen weder Amerikas frühere illegale Invasionen noch echte oder gefühlte Kränkungen.

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