USA Papa aus Pappe

Während Väter bei der US-Armee im Irak oder in Afghanistan ausharren, sitzen ihre Foto-Doppelgänger am heimischen Esstisch oder fahren auf dem Rücksitz im Auto mit. Die Nachfrage ist riesengroß.

Von Marten Rolff

Oberstleutnant Randall Holbrook ist immer zur Stelle, wenn seine Familie ihn braucht. Er kommt oft mit zum Einkaufen, geht mit ins Restaurant, schaut Baseball mit Sohn Justin und hat sogar seine Frau Mary zum Gynäkologen begleitet. Das ist schon deshalb erstaunlich, weil der Offizier aus der Kleinstadt Bangor im US-Bundesstaat Maine eigentlich seit Januar in Afghanistan stationiert ist.

Oberstleutnant Randall Holbrook: Sein Pappbild fährt mit seinem Sohn Auto - bitte klicken Sie auf das Bild, um das Popup zu öffnen

(Foto: Foto: AP)

Seine Familie hat allerdings einen Weg gefunden, ihren Trennungsschmerz zu lindern. Sie ließ sich ein lebensgroßes Foto vom uniformierten Randall ausdrucken und auf Pappe kleben. Seitdem ist der Papp-Papa immer dabei. Ob kostümiert auf der Halloween-Party oder in Schwarz auf dem Begräbnis der Schwiegermutter. "Am Anfang fand ich die Idee mit dem Foto befremdlich", gestand Mary Holbrook der Lokalzeitung Bangor Daily News, "aber dann hat es mir sehr geholfen. Es tröstet uns."

Flat Daddy ("platter Vater") heißt die neue Geheimwaffe der US-Army, um die Moral in den Familien der im Ausland stationierten Soldaten zu stärken. Denn seit eine Offizierin der National Guard in Maine im vergangenen Dezember die Idee hatte, lebensgroße Fotos der Männer ausdrucken zu lassen und an deren Ehefrauen zu verteilen, hat eine kleine Armee von Pappsoldaten Amerika erobert.

Große Nachfrage

Sergeant Barbara Claudel leitet das Familienprogramm der Maine National Guard in Augusta. Auf einer Konferenz hatte sie von einer Familie gehört, die sich einen Fotodoppelgänger ihres im Irak stationierten Vaters anfertigen ließ - und beschloss, diese Idee für ihre Seminarteilnehmer zu kopieren. "Es war als einer von vielen Vorschlägen gedacht, um die Trennung zu erleichtern. Wir hätten nie geahnt, dass das so ein Erfolg wird", sagte Claudel der SZ. "Die Nachfrage ist unglaublich."

Knapp 400 der 2000 US-Soldaten aus Maine sind derzeit im Irak oder in Afghanistan stationiert. Und mehr als 200 Pappkameraden hat das Familiendepartment in Augusta seit Januar schon ausgegeben. Sergeant Claudels Aufgabe ist es, die Familien auf die Einsätze vorzubereiten. In ihren Seminaren bietet sie eigentlich psychologisches Training und praktische Tipps für die Trennung an oder klärt über rechtliche Hintergründe des Einsatzes auf.

Die Seminarinhalte seien nun allerdings ein klein wenig in den Hintergrund gerückt, gibt Claudel zu. "Die Leute sagen plötzlich: ,Alles schön und gut, was wir hier lernen, aber wann schneiden wir endlich Flat Daddy aus?'", erzählt die Offizierin. Daher organisiert Barbara Claudel auch Partys, auf denen die Soldatenfrauen gemeinsam ihre männlichen Familienmitglieder zusammenbasteln und sich diese dann gegenseitig vorstellen.

Als eigentliche Erfinderin der Flat Daddys gilt Cindy Sorenson aus North Dakota, die vor drei Jahren für ihre Tochter ein Bild ihres Ex-Mannes abziehen ließ. Inzwischen nahm eine Motivationstrainerin Sorensons Geschichte in ihr Buch auf. Und heute erzählen landesweit Ehefrauen, Mütter und Kinder in Medienberichten von ihren Erlebnissen mit den Pappsoldaten.

Angela Williams, 27, aus Alaska zum Beispiel sagte der New York Times, sie hole das Bild ihres im Irak stationierten Mannes aus dem Schrank, wenn Gäste kommen oder auch, um sich vor dem Zubettgehen daran zu erinnern, "wie großartig er ist".

Gespräche vor dem Einschlafen

Der 20 Monate alte Ayden aus Colorado, so berichtete seine Mutter, nehme das Bild des Vaters mit in den Kindergarten oder zu Geburtstagen und küsse es oft. Und Sherri Fish aus Maine erzählte, sie sei in Tränen ausgebrochen, als sie hörte, wie ihr dreijähriger Kevin beim Einschlafen mit seinem Flat Daddy sprach.

Psychologen glauben, dass die Pappsoldaten ein guter Nähe-Ersatz sein können und dass sie besonders für Kinder eine wichtige Rolle spielen, erläutert Sergeant Barbara Claudel. Auch hätten mehrere Mütter bestätigt, dass es nur Flat Daddy zu verdanken sei, wenn ihre Kleinkinder den eigenen Vater nach einem langen Auslandsaufenthalt überhaupt wiedererkennen.

Nun wollen auch andere Armeeverbände Flat Daddy als Anregung in ihr Familienprogramm aufnehmen, Veteranenverbände interessieren sich für die Idee, und ein Unternehmer in Ohio kündigte jetzt an, die Pappkameraden zum Selbstkostenpreis an Soldatenfamilien zu verteilen. Einen Auftrag könne die Armee natürlich nicht erteilen, sagt Barbara Claudel, aber es spreche viel dafür, "dass sich Flat Daddy fest etabliert hat".

Kein Teller für den Papp-Papa

Auch im Leben von Mary Holbrook hat die Pappfigur nun einen festen Platz. Ihr Mann soll im April 2007 aus dem Irak zurückkehren. Bis dahin wird sie sein Bild wohl überallhin mitnehmen. Obgleich sie sagt, dass sie mitunter erschrecke, wenn sie Daddy beim Autofahren plötzlich angeschnallt auf der Rückbank sehe.

Es sei auch nicht angenehm, "wenn mich manche Menschen anstarren". Die meisten aber hätten Verständnis für ihre merkwürdige Begleitung. Nur für Pappleutnant Randall ständig auch den Tisch zu decken, das habe sie aufgegeben, so Mary Holbrook. "Er hat nicht viel gegessen."