Von Von Wolfgang Koydl

Die Amerikaner und der Krieg. Eine Analyse.

Man kann nicht sagen, dass US-Präsident George W. Bush keinen Grund gehabt hätte, im Irak einzumarschieren. Das Problem lag vielmehr darin, dass er viel zu viele Gründe nannte: Teils waren sie vorgeschoben, teils nachgereicht, teils waren sie unaufrichtig, teils lauter, teils mächtig aufgebläht, teils reichlich kümmerlich.

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Ein Jahr nach Kriegsbeginn ist dieser große, bunte Strauß von Rechtfertigungen arg zerzaust und leergepflückt. Selbst vom Präsidenten und seinen Mitstreitern wird von allen Begründungen nur noch eine besonders hervorgehoben - dass der Irak ohne den Diktator Saddam Hussein ein besserer Ort geworden sei.

Das sieht auch eine Mehrheit der Amerikaner so, die in zahlreichen Umfragen bei ihrer Meinung geblieben sind, dass der Krieg letzten Endes gerechtfertigt gewesen sei. Dass bis heute keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, hat dem Präsidenten in Meinungsumfragen kaum geschadet; Bush selber erwähnt sein einst wichtigstes Argument für den Krieg gar nicht mehr.

An der allgemein zustimmenden Einschätzung hat bisher auch die Tatsache nichts geändert, dass die US-Truppen im Irak weiter jeden Tag Opfer beklagen müssen. Und auch der Kongress hat dem Präsidenten zum Jahrestag des Kriegsbeginns den Rücken gestärkt. Mit deutlicher Mehrheit - inklusive der Stimmen zahlreicher demokratischer Abgeordneter - verabschiedete das Repräsentantenhaus eine Resolution, in der betont wurde, dass "die Vereinigten Staaten und die Welt durch die Entfernung von Saddam Hussein und seines Regimes sicherer gemacht wurden".

Doch all dies nimmt sich sehr bescheiden aus, verglichen mit den hochfliegenden Kriegszielen. Der größte Erfolg des Waffengangs ist, dass Saddam Hussein und die meisten Mitglieder seines Regimes gefasst oder getötet wurden. Als erstes Land der Region hat sich der Irak eine demokratische Verfassung gegeben; die zerstrittenen Volksgruppen lernen - mühsam, aber immerhin - Kompromisse auszuhandeln, auch die Infrastruktur verbessert sich allmählich wieder, wenn auch für viele Iraker noch viel zu langsam.

Ins Land geschlichen

Und doch kann man in Washington nicht zufrieden mit der Entwicklung sein. Die Weltgemeinschaft in Gestalt der Vereinten Nationen hat sich der Unternehmung noch immer nicht angeschlossen. Im Gegenteil: Nach Spanien rücken nun auch andere Mitglieder der "Koalition der Willigen", wie zuletzt Polen, von Bush ab. Und niemand weiß, wie es nach der geplanten Übergabe der Macht an eine irakische Regierung am 30. Juni wirklich weitergehen wird. Man kann getrost davon ausgehen, dass sich Präsident Bush andere Feierlichkeiten zum ersten Jahrestag des Unternehmens Iraqi Freedom gewünscht hätte als eine kleine Ansprache im Kreis ausländischer Botschafter in der Abgeschiedenheit des Weißen Hauses.

Als Repräsentant Washingtons reiste Außenminister Colin Powell nach Bagdad - und auch er musste, wie seinerzeit Bush bei seiner spektakulären Stippvisite zum Thanksgiving-Tag, heimlich in das befreite Land reisen. Denn die Sicherheit im Irak vermögen auch die mehr als 100000 Soldaten der amerikanischen Armee noch immer nicht vollständig gewährleisten. Terrorbanden haben den Jahrestag des Kriegsbeginns auf ihre Weise begangen - mit neuen Bombenanschlägen und unschuldigen Todesopfern.

Das US-Militär rechnet nicht damit, dass diese Anschläge bald eingestellt werden. "Wir hatten eine harte Woche, und es wird noch viele harte Wochen geben", meinte der Oberkommandierende General John Abizaid nüchtern.

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(SZ vom 20.03.2004)