Seit einem Jahr ist Barack Obama als 44. Präsident der USA im Amt. Es war eine Zeit der überzogenen Hoffnung - und der nützlichen Entzauberung.
Alles schon vergessen? Die im Dunkel der Nacht schwelgende Masse in Chicagos Grant Park nach dem grandiosen Wahltriumph Barack Obamas? Oprah Winfreys Tränen der Genugtuung? Wer spürt noch die Leichtigkeit des Seins in den Tagen der Inauguration, der Amtseinführung des jungen Präsidenten?
Die frühere Ikone Obama wird längst kritisch beäugt. (© Foto: AP)
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Damals schien das Land, ach, die ganze Welt auf den Neuen zu warten wie auf einen Messias der Moderne. Einen, der unser aller Sehnsucht nach einem anständigeren, ausgleichenden, nach einem weltoffenen, gerechten, klimaschützenden, schwulen-und-lesben-freundlichen, multilateralen, kurzum nach einem besseren Amerika erfüllen würde. Eine lange, seit Jahrzehnten nicht gekannte Aufbruchsstimmung hatte den Globus ergriffen. "Völker dieser Welt, schaut auf diesen Mann", hieß es in einem deutschsprachigen Blog. Schon verdrängt?
Kaum etwas erfasste diese euphorische Befindlichkeit besser als ein Bild, ein einziges Poster, das zum Emblem der Wahlkampagne Obamas wurde, millionenfach reproduziert. Das Poster, im Original 55 auf 85 Zentimeter messend, hatte der Straßenkünstler Shepard Fairey an einem Tag geschaffen im Herbst 2007. Es zeigt Obama, holzschnittartig mit überdeutlichen Anlehnungen an sowjetische Propagandakunst, visionär, ernsthaft, gesammelt in die Ferne schauend. Nicht sein Name stand darunter, sondern nur seine Botschaft, in vier großen, taubenblauen Buchstaben: HOPE - Hoffnung, die utopische Hoffnung, dass alles anders werden möge.
Gewaltige Poesie
Überall in den USA war es zu finden. Der Kunstkritiker des Intellektuellenmagazins New Yorker, Peter Schjeldahl - selbstverständlich damals ein bekennender Obamist -, beschrieb, wie er selbst in einem abgelegenen Dorf der Catskill-Berge in Upstate New York, wo Handys nicht mehr funktionieren und die Leute eigentlich republikanisch wählen, auf dieses Plakat stieß: "Es war schrill und mystisch und riss meine Gedanken in einen ortlosen Jetstream abstrakter Assoziationen. Gewaltige Poesie in der Sprache des Alltags." So hochfahrend klang die Euphorie jener Tage, die Obama auslöste und die dieses Bild transportierte. Schon aus dem Gedächtnis gestrichen?
Und welche Vergleiche wurden gezogen. Unter dem berühmten Uncle-Sam-Plakat, mit dem zuerst im Ersten Weltkrieg Freiwillige für den Fronteinsatz in Flandern geworben wurden, ging nichts. Faireys Obama-Bildnis werde ein vergleichbar erfolgreiches Polit-Poster sein. Auch Jim Fitzpatricks legendärer Che-Guevara-Schattenriss wurde zum Maßstab gemacht.
Ein Phänomen der Nullerjahre
Als mindestens so populär werde sich auch Faireys Obama-Kopf erweisen. "Und sicher wird er auf Jahre hinaus T-Shirts, Kaffeebecher und die Wände von Studentenzimmern schmücken", schrieb damals der britische Guardian. Weit gefehlt.
Das Bild ist verschwunden aus der öffentlichen Wahrnehmung. Nirgends mehr ist es zu sehen. Es ist so "2000 and late", wie es im Song der Hip-Hopper Black Eyed Peas über einen abgelegten Lover heißt. Einfach out. Ein Phänomen der Nullerjahre. Weit, äonenweit scheinen die Monate zurückzuliegen, als sich Millionen dem Wunsch hingeben wollten, an einen Politiker glauben zu können, und die Medien diesen kollektiven Rausch nicht nur beschrieben, sondern sich bereitwillig davon erfassen ließen.
Heute ist Barack Obama unten durch bei viel zu vielen Amerikanern. Ausgerechnet zum Einjährigen, zum ersten Jubiläum seiner Amtsübernahme am 20. Januar 2009, haben die Popularitätswerte des Präsidenten bei seinen Landsleuten einen neuen Negativrekord hingelegt.
Nur noch 46 Prozent aller US-Bürger, hat der Fernsehgigant CBS ermittelt, finden ihren Vormann im Weißen Haus gut. Das ist nicht einmal die Hälfte. Da ist er gar nicht mehr allzu weit weg von den Werten, mit denen sich sein viel geschmähter Vorgänger zum Ende seiner Amtszeit bescheiden musste.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Obama so schnell an Beliebtheit verloren hat.
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Wer hat denn wirklich so wahnsinnig überzogene Hoffnungen in Obama gesetzt, dass er jetzt großartig enttäuscht werden könnte?
Bei allem Respekt vor dem Journalismus, ist mein Eindruck, dass das allenfalls auf (allerdings ziemlich viele) leicht hyperventilierende Journalisten zutrifft, die in einer Art sich selbst verstärkenden Massenhysterie den Messias-Mythos, den sie jetzt zusammenfallen sehen, selbst herbeigeschrieben haben.
Zumindest der selbst denkende Teil der restlichen Menschheit (mal abgesehen von einigen möglicherweise - und hoffentlich - noch stark begeisterungsfähigen Anfangszwanzigern) dürfte den Mann schon von jeher weit realistischer beurteilt haben.