Von Reymer Klüver

Kaum einer begleitet die Ära Bush so intensiv wie der Watergate-Enthüller Bob Woodward. Doch nun werden dem berühmtesten Journalisten der USA selbst unbequeme Fragen gestellt.

Amerikas berühmtester Journalist ist ein freundlicher Mann. "Schön, dass Sie gekommen sind", sagt er, als er die große weiße Tür seines Hauses in Georgetown aufsperrt, dem kleinen, feinen, alten Vorort Washingtons, wo die Machtelite der Hauptstadt es sich seit Jahrzehnten heimelig macht.

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Er entschuldigt sich, gleich mehrmals, dass er so leger angezogen ist, in dunkelblauem Polohemd und beigefarbener Cordhose, und leitet den Besucher über die schwarz-weißen Marmorfliesen der Diele links ins Empfangszimmer, einen großen, hohen Raum, in einem warmen Apricot-Ocker getüncht. In zwei Kaminen sind Birkenholzscheite gestapelt. Auf einem runden Esstisch aus dunklem Edelholz stehen noch zwei Teller vom Lunch. Er trägt sie rasch hinaus.

Hier also empfängt Bob Woodward, der Mann, der den Watergate-Skandal enthüllte, seine Gäste. Für Interviews, für Hintergrundgespräche, wie neulich den Gesprächspartner aus dem Weißen Haus, "jemanden in einer gewissen Position", wie er jetzt plaudernd erzählt. In letzter Zeit aber sind auch immer mehr Leute hier, denen nicht er, der weltberühmte Journalist, Fragen stellt, sondern sie ihm.

Woodward, 64 Jahre alt, findet sich in ungewohnter Position. Er muss sich rechtfertigen. Ausgerechnet er, der einst einen der großen Skandale in der Geschichte Amerikas aufgedeckt hat, weil er immer und immer wieder nachgefragt hatte, ausgerechnet er muss nun erklären, warum er nicht so hartnäckig nachgefasst hat, als es um die vielleicht unangenehmste Affäre der ersten Amtszeit von George W. Bush ging, die Enttarnung der CIA-Geheimagentin Valerie Plame. Schließlich wusste er ziemlich früh, wie sich inzwischen herausstellte, wer in der Regierung den Namen preisgegeben hatte. Woodward aber empfand die Sache offenbar als nebensächlich.

Geschichte des Irak-Krieges

Er recherchierte Größeres. Er schrieb an der Geschichte des Krieges, beschrieb in zwei Bänden, wie Amerika in den Irak geraten ist. "Verstehen Sie eigentlich richtig die Bedeutung dieses Krieges?", fragt er jetzt, fast ein bisschen irritiert, "er ist das Wichtigste der Welt." Und, damit nicht der Eindruck entsteht, nur er würde das glauben, setzt er hinzu, dass der alte Henry Kissinger das auch so sehe, "die strategischen Auswirkungen sind wichtiger als die von Vietnam".

Nun hat er ein drittes Buch veröffentlicht, darüber, warum Amerika nicht mehr herausfindet aus diesem Krieg. Im Herbst ist es in den USA erschienen. Es war ein Riesenerfolg. Nur Wochen nach der Veröffentlichung waren fast eine Million Hardcover-Exemplare gedruckt. An diesem Freitag kommt es auf den deutschen Markt: "Die Macht der Verdrängung". Und wieder muss sich Woodward rechtfertigen.

Bei den ersten beiden Büchern über die Bush-Regierung war ihm vorgeworfen worden, dass er, dem Geist der Zeit in den USA entsprechend, zu unkritisch, ja mitunter fast verehrend die Kriegspolitik des Präsidenten beschrieben habe. Als "offizieller Hofstenograf der Bush-Administration" wurde er geschmäht. Nun aber muss er erklären, warum er in seinem neuen Buch viel schärfer mit dieser Regierung ins Gericht geht - wenn man so will, auch diesmal dem Zeitgeist in den USA auf der Spur.

Das kann Woodward nicht auf sich sitzen lassen. Er holt ein bisschen aus. Seine zehnjährige Tochter, sagt er und weist vage mit der rechten Hand nach oben, wo die Kinderzimmer sind, seine Tochter also, die spiele Fußball. Da passiert es schon, dass das erste Spiel super läuft, die zweite Partie so dahindümpelt, die dritte aber "desaströs" ist. So etwa müsse man sich den Gang der Dinge vorstellen, die er in seinen nun drei Büchern über Bush und dessen Regierung beschreibe. "Ich halte mich an das, was passiert ist", sagt er, "ich bleibe bei den Fakten, ich urteile nicht."

Und die Fakten seien nun mal so, dass sich diese Regierung im Zustand des Verdrängens befinde: "Sie haben einfach wiederholt nicht die Realitäten zur Kenntnis genommen."

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