Das Pentagon mobilisiert seine Reserven für den Einsatz im Irak und in Afghanistan. Nun müssen auch 13.000 Männer und Frauen in den Krieg, die als Amerikas sogenannte "Bürgersoldaten" einem zivilen Beruf nachgehen.
Erstmals seit Beginn der Kriege in Afghanistan und im Irak sieht sich das amerikanische Verteidigungsministerium gezwungen, ganze Brigaden der Nationalgarde für einen zweiten Kampfeinsatz in Bagdad zu mobilisieren. Betroffen sind etwa 13.000 Männer und Frauen, die als Amerikas sogenannte "Bürgersoldaten" einem zivilen Beruf nachgehen.
Anzeige
Zugleich will Verteidigungsminister Robert Gates noch in dieser Woche verfügen, den Einsatz von fünf Kampfbrigaden der regulären Freiwilligen-Armee um zusätzliche vier Monate bis Ende des Jahres zu verlängern.
Experten werten das als weiteren Beweis dafür, dass die US-Bodentruppen - also Heer und die Eliteeinheiten der Marines - durch den fortwährenden Krieg "überdehnt" seien. Mangelnde Ausrüstung, verkürzte Pausen für Erholung und Training daheim sowie die steigende Zahl von Deserteuren untermauern diesen Eindruck.
Der neuerliche Rückgriff auf die Nationalgarde gilt als politisch heikel. Die Freiwilligen, die eigentlich dem Kommando der 50 Bundesstaaten unterstehen und vorrangig für Katastropheneinsätze in der Heimat trainieren, sind keine Berufssoldaten. Wie Reservisten leben sie mit ihren Familien meist in ländlichen Gegenden.
Unpopulärer Krieg
"Der Krieg ist so unpopulär", glaubt Loren Thompson, Militärexperte im Think-Tank des Lexington Institute, "das Weiße Haus muss besorgt sein, wie die Wähler reagieren, wenn Mitglieder ihrer Gemeinden zu einem Kampf gerufen werden, den die meisten für sinnlos halten".
Der Demokrat Ted Strickland, Gouverneur des Bundesstaates Ohio, kündigte am Dienstag ein Protestschreiben an Präsident George W. Bush an: "Unsere Männer und Frauen zahlen den Preis für eine verfehlte Strategie." Er warf der Regierung "Wortbruch" vor. Das Pentagon missachte frühere Versprechen, die Nationalgardisten höchstens einmal alle fünf Jahre in den Kampf zu schicken.
Ihre Einberufung hat den Streit zwischen Präsident und Kongress um den Irak-Krieg verschärft. Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid, hielt Bush vor, er schicke "für eine falsche Eskalation des Krieges schlecht vorbereitete Truppen in den Irak". Bush hatte zuletzt gedroht, er werde die Forderung der Opposition nach einem Datum für den Beginn des Rückzugs noch 2007 per Veto stoppen.
Dies könnte ein Haushaltsgesetz mit einem Volumen von mehr als 100 Milliarden Dollar blockieren, mit dem das Pentagon die Kriegseinsätze finanzieren muss. Senator Reid hatte vorige Woche sogar angedeutet, falls Bush nicht nachgebe, werde er ein verbindliches Datum für den vollständigen Abzug aller Kampftruppen aus dem Irak bis Frühjahr 2008 in das Gesetz schreiben.
Bush hatte im Januar verfügt, den Irak-Einsatz sogar auszuweiten. Dazu sollen bis zum Sommer 21.500 Soldaten aus Kampfeinheiten und etwa 9000 Uniformierte zu deren Versorgung nach Bagdad und in die umkämpfte Provinz Anbar verlegt werden. Von den 43 Kampfbrigaden der Armee - jeweils etwa 3500 Mann - ist die Hälfte derzeit im Ausland stationiert.
Viele Uniformierte müssen sich mittlerweile für ihren dritten oder gar vierten Einsatz rüsten. Dabei kann die Berufsarmee nicht mehr ihre Zusicherung einhalten, ihren Soldaten zwischen zwei Verlegungen mindestens ein Jahr Pause in der Heimat zu gewähren. Zudem steht dem Pentagon inzwischen keine "Ready Brigade" mehr zur Verfügung, die im Falle einer neuen internationalen Krise binnen 72 Stunden weltweit eingesetzt werden könnte.
Aufstockung geplant
Verteidigungsminister Gates hatte angesichts der Engpässe im Januar verfügt, Armee und Marines mittelfristig aufzustocken. Bis zum Jahr 2012 soll das Heer um 65 000 auf 547.000 Soldaten, das Marinekorps um 27.000 auf 202.000 Mann anwachsen. Allerdings konnte das Pentagon zuletzt nur genügend Rekruten anwerben, indem es seine Anforderungen an Bewerber verringerte.
Dies brachte mehr Freiwillige in die Kasernen, die über mangelhafte Schulbildung verfügten. Auch stieg der Anteil vorbestrafter Rekruten, die die Armee bisher zurückgewiesen hatte. Offiziere räumen ein, der Anteil gering qualifizierter Rekruten liege unter den Fahnenflüchtigen überdurchschnittlich hoch.
Im vergangenen Jahr hatte die Armee 3196 Soldaten als Deserteure registriert. Im Jahr 2004 waren es 2357 gewesen. Nach ersten Schätzungen der Armee dürfte sich die Steigerung in diesem Jahr fortsetzen. Allerdings sei die Zahl der Deserteure weitaus geringer als Ende der sechziger Jahre während des Vietnamkrieges.
(SZ vom 11.04.2007)
Szene München
Meines Erachtens handelt es sich nicht um "das letzte Aufgebot", "Volkssturm" etc. Hier werden ja keine Jugendlichen, alten Männer oder Krüppel mobilisiert wie 1944/45.
Und dennoch steckt das gleiche Ziel dahinter: Die regulären, kampferprobten Truppen, die zur Zeit im Irak "festgenagelt" sind, sollen wie damals entlastet und freigeschaufelt werden, damit sie für einen *anderen* Einsatz zur Verfügung stehen.
Welcher Einsatz das sein wird, dürfen Sie raten ...
gut ;-).
scheint ja wirklich so zu sein, das die us-armee auf dem letzten loch pfeift.
lies mal hier : http://www.freace.de/artikel/200704/100407a.html
Das gruselige letzte Aufgebot: Auch eine Möglichkeit, die amerikanischen Arbeitslosen von der Straße zu bekommen.
Aber ist es nicht erstaunlich, mit welchem Elan Bush an seinem eigenen politischen Sarg zimmert?