Politik ist berechenbar: Bisher hat Nate Silver Baseball-Ergebnisse vorhergesagt, jetzt versucht er sich an den Präsidentschaftswahlen.
Barack Obama führt in allen Umfragen - nicht nur in denen der anerkannten Meinungsforscher, sondern auch in den anderen, den wirklich wichtigen.
Bild vergrößern
Baseballspiel oder politische Wahl? So große Unterschiede gibt es da nicht, findet Nate Silver. (© Foto: AP)
Anzeige
Die Kunden der Ladenkette Seven Eleven trinken ihren Kaffee lieber aus dem blauen Obama-Becher als aus dem roten McCain-Becher. 2000 und 2004 lag hier George W. Bush vorne. Michelle Obama hat den Backwettbewerb der Zeitschrift Family Circle gewonnen - wie die meisten späteren First Ladies in den letzten Jahrzehnten. Und schließlich sagt der Baseball-Experte Nate Silver die Wahl von Obama mit einer Wahrscheinlichkeit von 96,7 Prozent voraus.
Doch im Gegensatz zu Pappbecher- und Keksstatistik hält Nate Silver seine Prognose nicht für Kaffeesatzleserei. Der 30-Jährige ist ein Statistikprofi, unter Baseballfans gilt er als Genie. Aus gutem Grund: Vor fünf Jahren versuchte der Journalist, die große amerikanische Leidenschaft Baseball in ein mathematisches Korsett zu zwingen. Mit Erfolg.
Baseball oder Politik - ist doch alles nur ein Spiel
Nate Silver sammelt bei jedem Spiel alle möglichen Daten: Er zählt, wie oft und wie lang ein Spieler den Ball besitzt, wie oft er trifft und wie schnell er rennt - und lässt dabei keinen Spielzug aus. Füttert man das von Silver entwickelte Rechensystem mit all diesen Daten, spuckt es die wahrscheinlichsten Ergebnisse der nächsten Spiele aus.
Inzwischen ist Silvers Programm "Pecota" - benannt nach der Baseball-Legende Bill Pecota - so ausgefeilt, dass es mit seinen Vorhersagen häufig richtig liegt. Im letzten Jahr hat es sogar den katastrophalen Absturz der Chicago White Sox richtig vorhergesagt, die zwei Jahre zuvor noch das Finale der amerikanischen Profiligen gewonnen hatten.
Warum soll diese Vorgehensweise nicht auch funktionieren, wenn statt 18 Männer um einen kleinen Ball zwei Kandidaten um die Wählergunst ringen? Politik ist schließlich auch nur ein Spiel.
Wie beim Baseball berücksichtigt Nate Silver im Wahlkampf jeden Datenschnipsel: Er nimmt die wissenschaftlich fundierten Umfragen ebenso in sein Rechenmodell auf wie die eher willkürlichen. Je verlässlicher die Umfragen in der Vergangenheit zutrafen, um so stärker gewichtet er ihre aktuellen Ergebnisse.
Die Schwachstelle der Rechenmaschine: Ihr Meister ist Obama-Fan
Der Statistikexperte beobachtet Trends und den Verlauf früherer Wahlen, simuliert Abstimmungen und veröffentlicht seine Prognosen dann in seinem Blog FiveThirtyEight.com, den er nach den 538 Wahlmännern benannt hat, die den Präsidenten wählen. Momentan prophezeit er Obama 351 Wahlmänner. Um Präsident zu werden, braucht er nur 270, die für ihn stimmen.
Bisher stand Nate Silver mit den Ergebnissen seiner politischen Rechenmaschine ziemlich gut da: Bei den Vorwahlen waren seine Vorhersagen oft genauer als die von CNN und Reuters. Als diese Hillary Clinton im Bundesstaat Indiana einen Vorsprung von fünf Prozentpunkten voraussagten, prophezeite Silver einen sehr knappen Sieg; Obamas Triumph in North Carolina bezifferte er deutlich höher als die Umfrageinstitute. Beide Male hatte er recht.
Eine kleine Schwachstelle hat das Rechenmodell allerdings: Nate Silver entscheidet, wie welche Umfrage gewichtet wird - und er ist ein überzeugter Anhänger von Barack Obama. Seinen Kaffee trinkt er höchstwahrscheinlich aus einem blauen Becher.
- US-Wahl Obamas Angst vor dem Umfragesieg 27.10.2008
- Florida im US-Wahlkampf Umworbene Senioren 20.10.2008
- US-Wahlkampf Ein Krieger für Obama 20.10.2008
- US-Wahlkampf Obama bricht alle Spendenrekorde 19.10.2008
- Das neue britische Kabinett Camerons Balanceakt 17.05.2010
- Regierungswechsel in Großbritannien Eine britische Revolution 14.05.2010
- David Cameron Der neue Blair - Premier war das Mindeste 12.05.2010
(sueddeutsche.de/bosw/bavo)
New Yorker Bürgermeister will Soft-Drinks verbieten
Gewichtet Nate Silver die Umfragen nun wie er gerade Lust hat (so stehts im letzten Absatz des Artikels) oder danach je verlässlicher die Umfragen in der Vergangenheit zutrafen?
Sie scheinen sich nicht ganz entscheiden zu können. Beides kann irgendwie nicht richtig sein. Für mich klingt das so als hätten Sie ganz zum Schluss nur noch irgendeinen Kritikpunkt gesucht. Macht man ja so. Weil Nate Silver aber seine Methodologie (in weiten Teilen) offen legt und außerdem nie einen Hehl aus seinen eigenen politischen Vorlieben gemacht hat trifft ihre Kritik kaum. Es gibt viele die sich gerade die Freak-Umfragen heraussuchen und dann behaupten was sie gerade wollen, aber Nate Silver gehört da nicht dazu. Wenn Sie seinen Kommentar gelesen hätten wüssten Sie das. Man merkt zwar seine Meinung (teilweise sehr deutlich), aber man merkt auch, dass er sehr differenziert an die verschiedenen Umfragen herangeht. Mit einer Ruhe und Gelassenheit, die man anderen oft wünscht.
ausserdem berücksichtigt er wohl den wahlbetrug der republikaner nicht.