US-Wahlkampf Rettet Big Bird!

Das Rennen um die US-Präsidentschaft zwischen Mitt Romney und Barack Obama lässt sich mittlerweile auf eine Figur aus der Sesamstraße reduzieren: Big Bird. Von einer Infantilisierung des Wahlkampfes zu sprechen, würde jedoch allen Kindern unrecht tun.

Ein Kommentar von Nicolas Richter

In den Siebzigern sind einige der größten Popsongs entstanden. Aus dem Jahr 1977 etwa stammt "Just One Me": Darin besingt ein großer, dickbäuchiger Vogel, wie einmalig er ist, und wie einmalig seine kleinen Zuhörer sind, jeder mit seinem eigenen Lachen. Am Ende verhaspelt sich Big Bird zwar wie immer, doch jedes Kind weiß nun, was die Zahl 1 ist, und hat noch dazu das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Nie mehr war Mathematik so schön, außer vielleicht, als Ernie und Bert "eins und eins sind zwei" sangen.

Die "Sesamstraße", wie sie damals entstand, zeigt Amerika von seinen besten Seiten: fröhlich, optimistisch, erfinderisch. Die Idee lautet, dass Fernsehen, wenn es schon süchtig macht, wenigstens nützlich sein soll. Jim Hensons Puppen lehren also nicht nur Zahlen und Buchstaben, sondern auch, sich und andere zu achten. Etliche Amerikaner haben erste spanische Worte von Maria gelernt, der netten Latina aus "Sesame Street".

Natürlich geht es nicht wirklich um Big Bird, sondern um öffentliches Fernsehen, Sozialismus und verkommene Werte in der amerikanischen Gesellschaft. Eben um das große Ganze bei den US-Wahlen. Obama oder Romney, Big Bird oder nicht.

(Foto: AP)

Nun möchte Mitt Romney Präsident des Landes werden, indem er dem öffentlichen Sender PBS, wo die "Sesamstraße" läuft, die Zuschüsse streicht, Big Bird also den Hals umdreht. Romney hat das im ersten Fernsehduell mit Barack Obama angekündigt, er klang freundlich und bedauernd, wie der Chef, der sich leider von einem trennen muss, obwohl man doch für die Firma so wichtig sei. Der frühere CEO Romney möchte für die "Sesamstraße" kein "Geld von China leihen". Auf solch irre Gedanken muss man erst mal kommen - vor 67 Millionen Wählern, die noch nicht gewählt haben.

Sesamstraße und Sozialismus

Es fügt sich ein in die republikanische Kürz- und Sparideologie, unter deren Verfechtern Romney noch zu den moderateren gehört. Sein Vize Paul Ryan würde die US-Bundesregierung so zusammenstutzen, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen wäre. Nun kostet die "Sesamstraße" den Staat gerade mal acht Millionen Dollar im Jahr, aber etliche Republikaner finden grundsätzlich, dass beim öffentlichen Fernsehen der Sozialismus beginnt. Sie finden es normal, dass ihre Kinder von kommerziellen Sendern mit Werbespots zugeschüttet werden, oder sie kaufen eben Filme auf DVD. Ärmere Familien, in denen frühkindliche Bildung fehlt, können sich das nicht leisten. Aber das ist nach Republikanerlogik deren Fehler.

Achtzig Prozent der amerikanischen Kinder sehen die Programme von PBS. Die "Sesamstraße" aber ist vielen Rechten unheimlich, weil sie Kinder angeblich einer liberalen Gehirnwäsche unterzieht. Dort geht es bunt und multikulturell zu, und ein Leitmotiv der Sendung ist es, mit anderen zu teilen. Eine Karikatur in der (eher linken) "Daily Show" zeigt treffend, wie es aus konservativer Sicht zugehen müsste: In der "Straße der Patrioten" (Sesam klingt zu orientalisch) sagt das Mädchen, sie teile ihr Schulbrot, worauf die Puppe antwortet: "Was? Damit schaffst du ja eine Kultur der Abhängigkeit." Jene Abhängigkeit, die Romney meinte, als er sagte, 47 Prozent der Wähler sähen sich als Opfer und wollten Geld vom Staat.