Von Verena Wolff

Präsidentschaftskandidat John McCain will erstmal die wirtschaftlich angeschlagene Nation retten - und danach mit Obama im Fernsehen debattieren. Obama will beides. Gleichzeitig.

Auf den ersten Blick war es ein geschickter Schachzug von John McCain. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber gab sich staatsmännisch und verkündete zur besten Sendezeit, am frühen Abend in Amerika, er wolle seine Kampagne aussetzen. Die Finanzkrise sei derart weitreichend, dass nicht mehr Parteipolitik das Bild bestimmen solle, sondern über Parteigrenzen hinweg an der Lösung des Problems gearbeitet werden müsse.

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Barack Obama (l.) will am ersten Fernsehduell festhalten. John McCain zögert noch. (© Foto: AP)

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Ganz nebenbei rief er noch den demokratischen Kontrahenten Barack Obama auf, es ihm gleichzutun. Und vor allem zunächst auf das für Freitag geplante erste Fernsehduell zu verzichten.

Das ist ein Wunsch, der McCain wohl auf der Seele brennen dürfte - denn er hat nicht allzu gute Karten gegen den fast 30 Jahre jüngeren Senator aus Illinois. "McCain sieht in der Debatte deutlich schlechter aus als Obama", sagt der Politikwissenschaftler und Amerikaexperte Hans J. Kleinsteuber.

Das Problem Wirtschaft

Eines der größten Probleme: McCain ist zwar außenpolitisch beschlagen, aber er hat von Wirtschaft nicht allzu viel Ahnung. Er selbst gibt freimütig zu, dass dies seine Achillesferse sei. Und er hat sich keinen Running Mate ins Boot geholt, der diese Unwissenheit kompensieren könnte. "Im Gegenteil", sagt Kleinsteuber: "Sarah Palin ist außen- und wirtschaftspolitisch außerhalb jeder Diskussion."

Barack Obama und sein Vizepräsidentschaftskandidat Joe Biden, beide promovierte Juristen, sind da von einem anderen Kaliber: " Sie sind sicher beide intellektuell besser in der Lage, gangbare Lösungen anzubieten", sagt Kleinsteuber. Dadurch würde das Obama-Lager noch mehr Oberwasser bekommen.

Demokraten haben die Nase vorn

Die Wirtschaft, schon oft das entscheidende Thema in einem US-Wahlkampf, scheint diesmal eine Domäne der Demokraten zu sein: In der aktuellsten gemeinsamen Umfrage der Washington Post und des TV-Senders ABC führt Obama nicht nur mit insgesamt elf Prozentpunkten vor seinem republikanischen Rivalen. In der Frage, wer die aktuellen wirtschaftlichen besser versteht, führt Obama sogar mit einem Vorsprung von 24 Prozent. Zweistellig ist der Vorsprung auch, wenn es darum geht, wer die bessere Wirtschaftspolitik für das Land machen kann.

Diese Zahlen dürften den 72 Jahre alten Senator aus Arizona aufgeschreckt haben - denn seit seinem Nominierungsparteitag vor gut einem Monat hat er die Schlagzeilen beherrscht. Daran ist weniger McCain selbst schuld als eher sein Manöver, die auf der nationalen Bühne recht unerfahrene und wenig Bekannte Gouverneurin aus Alaska, Sarah Palin, zu seiner Running Mate zu küren.

Doch das Blatt wendete sich in den vergangenen Tagen. Sarah Palin war ausreichend und aus sämtlichen Winkeln begutachtet worden - sie verlor für die Medien zunehmen ihren Reiz. Obama bekam wieder mehr Platz in den Gazetten und den Fernsehsendungen Und er machte einen besseren Eindruck, was den Umgang mit der immer schlimmer werdenden Finanzkrise angeht.

Denn für die Amerikaner ist die Stimmung ungleich wichtiger als für andere Nationen: Die meisten Amerikaner besitzen nicht nur Aktien, auch ihre Rente ist abhängig davon, was an den Börsen passiert - denn ihre Rentenpläne sind öfter als hierzulande mit Aktien und Fonds bestückt. So betrifft die Krise nicht nur die Unternehmen im Land, sondern fast jeden einzelnen Bürger. John McCain tat also, was John McCain in einer engen Situation schön öfter getan hat: Er polterte zunächst drauflos. Im Fernsehen. Und überfuhr Obama, so schien es.

In der Stunde der Not müsse die Parteipolitik zweitrangig sein - vielmehr gehe es um die Rettung aus der schweren Krise. Sagte McCain. Und wiederholte, öffentlichkeitswirksamer, was Obama zuvor mit ihm am Telefon diskutiert hatte.

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