Interview: Christian Wernicke

Doug Wilder, einst erster schwarzer US-Gouverneur, rechnet fest mit einem Sieg Barack Obamas. Warum schwarze Politiker den "Wilder-Effekt" nicht mehr fürchten müssen.

Doug Wilder ist Optimist. Aber das, so versichert der freundliche Herr mit dem schlohweißen Haar, sei nicht der Grund, warum er fest mit einem Sieg für Barack Obama rechnet.

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"Ich habe ihn ermuntert, aber auch gewarnt." Doug Wilder beriet Barack Obama schon vor seiner Kandidatur. (© Foto: AP)

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Der 77-jährige Demokrat glaubt nicht, dass immer noch jene obskure Kraft auf die Präsidentschaftswahl wirkt, die seinen Namen trägt: der Wilder- oder Bradley-Effekt. Wilder, heute Bürgermeister von Virginias Hauptstadt Richmond, hat Obama bereits vor knapp zwei Jahren beraten. Er hat ihn ermuntert, auch in konservativen Landstrichen zu werben - und er warnte ihn vor Gegnern in den schwarzen Reihen.

Auf der Fensterbank von Wilders Amtsstube steht eine lachende Obama-Puppe. Und ähnlich strahlend prophezeit Wilder, der Senator aus Chicago könne sogar in Virginia triumphieren. Der Süd-Staat votierte zuletzt 1964 für einen Demokraten als Präsidenten.

Als Wilder- oder Bradley-Effekt bezeichnet man das Phänomen, dass schwarze Kandidaten in Amerika bei Umfragen oft weitaus bessere Resultate erzielen als bei der eigentlichen Wahl. Weiße Befragte, so die Deutung in der demoskopischen Literatur, würden im Interview ihre Vorbehalte zunächst verhehlen, dann aber ihren Rassismus in der Einsamkeit der Wahlkabine ausleben. So erklärten sich Sozialforscher, warum im Jahr 1982 der Afroamerikaner Tom Bradley sensationell die kalifornische Gouverneurswahl verlor - und warum Doug Wilder es 1989 trotz klaren Vorsprungs sogar in den Befragungen nach der Wahl nur so gerade eben schaffte, als erster Schwarzer zum Gouverneur eines US-Bundesstaats gekürt zu werden.

SZ: Als erster Afro-Amerikaner haben Sie es 1989 geschafft, zum Gouverneur eines US-Bundesstaats gewählt zu werden. Nun will Barack Obama erster schwarzer Mann im Weißen Haus werden. Hat er Sie um Rat gefragt, wie das zu schaffen ist?

Wilder: Ja, das hat er schon sehr früh getan. Wir haben miteinander geredet, als er sich offiziell noch nicht erklärt hatte. Ich habe ihn ermuntert, aber ich habe ihn auch gewarnt: Die erste Welle des Widerstands würde von seinen eigenen Leuten kommen.

SZ: Von schwarzen Politikern?

Wilder: Aber ja, von bisherigen Führern der schwarzen Bewegung. Obamas Frau Michelle war damals entsetzt: "Was, verstehen die denn nicht die historische Bedeutung?" Oh doch, die verstanden sehr wohl. Denn als Obama den Mut hatte, ohne deren Erlaubnis zu kandidieren, mussten sie um ihre eigene Rolle und ihren Einfluss bangen. Das Genörgel zog sich noch lange hin, sogar bis nach dem demokratischen Parteitag in Denver Ende August. Da kamen dieselben Typen wieder an und schimpften, Obama hätte Hillary Clinton anstelle von Joe Biden als Vize-Kandidaten nominieren sollen. Erst jetzt geben sie Ruhe.

SZ: Wer war denn das - etwa der Prediger Jesse Jackson, der selbst mal in den achtziger Jahren kandidierte?

Wilder: Ich nenne keine Namen. Aber Sie denken in die richtige Richtung. Einer von denen hat Obama sogar gedroht, ihm bestimmte Teile seines Körpers abzuschneiden. Deshalb habe ich Obamas Kandidatur von Anfang an sehr unterstützt - um dieser alten Garde entgegen- zutreten. Und ich hatte schnell den Eindruck, dass Obama es sehr ernst meinte mit seiner Bewerbung. Ich unterstützte ihn nicht, weil er schwarz ist. Ich teile schlicht seine Ziele, er hat Substanz.

SZ: Und was haben Sie Obama geraten, um weiße Stimmen zu gewinnen?

Wilder: Obama kannte meine Geschichte. Er wusste, was viele nicht wissen: Dass Virginia von allen Süd-Staaten den geringsten Anteil schwarzer Wähler hat. Das sind hier nur 15Prozent. Ich brauchte also bei jeder Wahl immer 40 bis 45 Prozent der weißen Stimmen. Obama hatte diese Brisanz begriffen.

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