Amerika wählt. Doch egal wer neuer US-Präsident wird - auf die Deutschen kommen mehr Verantwortung und Lasten zu.
Den deutschen Blick auf die Wahl des neuen US-Präsidenten, die jetzt in Iowa begonnen hat, prägt eine doppelte Wahrnehmung. Zum einen sehnt eine große Mehrheit das Ende der Amtszeit von George W. Bush herbei. Nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich Deutsche und Amerikaner in politischen und anderen Fragen so auseinandergelebt wie unter diesem Mann im Weißen Haus.
Die USA haben sich mit ihrer Politik der Stärke selbst geschwächt. Daraus erwachsen Europa und Deutschland neue Aufgaben. (© Foto: AP)
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Zum anderen erwarten viele Deutsche in bemerkenswerter Zwangsläufigkeit einen Nachfolger aus den Reihen der Demokraten, unter denen es wiederum zwei Favoriten gibt, die hierzulande sowohl die Erinnerung an, als auch die Hoffnung auf harmonischere Zeiten wecken.
Der Selbstinszenierung eines Barack Obama als eines möglichen neuen Kennedy können Deutsche womöglich sogar mehr abgewinnen als viele Amerikaner. John F. Kennedys jugendliches Image, sein Management der Kuba-Krise und die legendäre Selbsteinbürgerung als Berliner rangieren im verklärenden Rückblick weit vor seiner Tatenlosigkeit beim Bau der Mauer und der Tatsache, dass mit ihm das US-Drama in Vietnam begann.
Dieser Mythos könnte auf Obamas Bild in Deutschland ein wenig abfärben, zumal er als erster schwarzer Präsident einen gesellschaftlichen Fortschritt verkörpern würde, den viele Deutsche an den USA lange Zeit schätzten und gerne wieder schätzen würden.
Hillary Clinton wiederum ist die tapfere Frau an der Seite des etwas windigen, aber irgendwie sympathischen Bill Clinton, der in Deutschland trotz seiner privaten Eskapaden bis heute hohes Ansehen genießt. Bisweilen kann man zudem den Eindruck gewinnen, dass seiner Frau für ihren Aufstieg in der Männerdomäne Politik mehr Respekt gezollt wird als einer Angela Merkel im eigenen Land.
Selbst für strenge Beobachter, die bei Hillary Clinton außer dem Willen zur Macht kaum Substanz zu erkennen vermögen, gilt mehrheitlich wohl die Einschätzung: immer noch besser als Bush.
Die Realität jedoch hält diesem Wunschdenken nur sehr begrenzt stand. Zu grundlegend hat der 11. September 2001 Amerika verändert. Und die Reaktionen der Bush-Regierung haben auch die künftige US-Politik Zwängen ausgesetzt, die eine neue Führungsfigur nicht einfach ignorieren kann. Schon vor vier Jahren, als der damalige demokratische Kandidat John Kerry versprach, das gestörte Verhältnis zu Verbündeten wie Deutschland wieder zu reparieren, wurde allzu leicht überhört, dass dies im Gegenzug auch eine neue Lastenteilung bedeutet hätte - bis hin zu größerer Verantwortung im Irak.
Die USA haben sich mit ihrer Politik der Stärke selbst geschwächt. Daraus erwachsen Europa und Deutschland neue Aufgaben. Das alte, nicht unbequeme amerikanisch-deutsche Verhältnis zwischen Schutzpatron und Schutzbefohlenem ist Geschichte. Kein Obama, keine Clinton, niemand wird es wieder aufleben lassen können. Auch der nächste Präsident wird Deutschland fordern.
- US-Vorwahlen Die Sieger von Iowa 03.01.2008
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(SZ vom 04.01.2008/bica)
Bundespräsident Gauck
Man möchte den USA so sehr wünschen, dass das alte, morsche, bigotte Selbstwertgefühl, das dort herrscht, abgewählt wird.
Die USA werden weiter Weltmacht bleiben, aber sie müssen lernen, dass sie nicht mehr selbstherrlich über Andere verfügen können sondern echte Partnerschaft und ehrliche Kooperation mit anderen Nationen gefragt ist.
Bush ist nicht die USA. Aber die USA mit ihm als Präsident haben schweren Schaden durch Verlust an demokratischer Glaubwürdigkeit erlitten.
Es wäre gut, wenn Barrack Obama als erster farbiger Präsident neue Zeichen setzen könnte, mit denen die Gesellschaft wieder mehr geöffnet werden könnte. Hillary Clinton ist bereits als ehemalige First Lady und Senatorin zu sehr stigmatisiert vom "alten" US-System.
In diesem riesigen Land, wo in verschiedenen Bundesstaaten noch die Todesstrafe gilt und wo das obskure Waffenrecht zu bizarren Kriminal- und Amokverbrechen regelrecht einlädt, würde ich jedenfalls zur Zeit nicht leben wollen.
Für uns Europäer gilt, sich auf die "neuen" USA nach Bush mit souveränem Selbstbewußtsein einzustellen. "Uncle Sam" kann - spätesten seit Schröders Verweigerung, am Irak-Krieg teilzunehmen - nicht mehr davon aus gehen, dass die doofen europäischen Neffen widerspruchslos überall hin folgen werden.
Deutsche Politiker müssen europäische und deutsche Interessen vertreten und nicht den Wünschen der USA hinterherlaufen. Wer dies trotzdem tut, ist dumm und schwächt die europäische Idee und die Position Europas in der Welt.
Es gibt keinen Grund, in Vorleistung zu gehen. Im Gegenteil! Die USA muß zuerst überzeugen, daß sie ihre Führungsrolle zu Recht beansprucht. Warum sollte Europa daran interessiert sein, das Verhältnis zu den USA zu verbessern? Welchen Nutzen haben wir? Bitte konkrete Beispiele - ich lasse mich gern überzeugen.
Die USA bezeichnen sich gern als das Land der Freien. Freiheit bedeutet vor allem Unhängigkeit - auch von Freunden. Es sollte eine gewisse Distanz herrschen, um Freundschaft, Unhängigkeit und Freiheit nicht zu gefährden. Ab und zu 'nein' sagen kann da nicht schaden - im Gegenteil. Absagen zu unnützen Vorhaben verschaffen Respekt. So gesehen ist die derzeitige Regierung der USA ein Segen.