Zweite Wahl

US-Vizepräsidenten-Comedy "Veep" /
Von Jannis Brühl
/ Veröffentlicht am , im US-Wahlblog

Unter Dilettanten: die Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika, Selina Meyer (Julia Louis-Dreyfus)

(Foto: dapd)

Sirenen in der Sommernacht, zwei Blocks vom Weißen Haus. Grimmige Polizisten auf Motorrädern riegeln Straßenzüge ab, gelbes Absperrband: "Police line - Do not cross". Fußgänger sind an einer Ecke auf dem Gehsteig gefangen, niemand darf über die Straße. Zeit für die Amerikaner zu spekulieren, für welchen hohen Amtsträger denn so ein Aufwand getrieben wird: "Vielleicht der Vizepräsident?" - "Nein, der ist doch nicht wichtig genug!"

Es ist schon ein undankbarer Job, das Amt des Vizepräsidenten. Zwar ist er nur einen Herzschlag vom Weißen Haus entfernt - wenn der Präsident stirbt, ist er plötzlich der mächtigste Mensch der Welt. Aber im Normalfall hat er wenig Einfluss (Ausnahme Dick Cheney) und keine Verantwortung außer der, nichts allzu Dummes zu sagen - womit besonders der derzeitige Amtsinhaber Joe Biden seine Probleme hat (eine "menschliche Sprengfalle" nennt ihn das Magazin New York in diesem Porträt).

Ähnlich geht es Selina Meyer. Sie ist Vizepräsidentin in der Comedy-Serie Veep, die im November in Deutschland anläuft. Julia Louis-Dreyfus, bekannt als Elaine aus der Sitcom Seinfeld, gewann im September einen Emmy für diese Rolle. Sie spielt die überforderte, mit unfähigen Mitarbeitern und der eigenen Bedeutungslosigkeit ringende Vizepräsidentin. Veep steht für die Abkürzung VP: Vice President. HBO, der amerikanische Bezahlsender, der Veep produziert, steht für Serien in Kinoqualität: Sopranos, The Wire, Band of Brothers.

Selina Meyer opfert ihre Zeit abseitigen Themen, die wenig Prestige versprechen ("Grüne Jobs, Jemen, die Marsmission") und dem Wunsch, vom Mann an der Spitze wahrgenommen zu werden. Der Running Gag: Selinas Dialog mit ihrer Sekretärin: "Hat der Präsident angerufen?" - "Nein." Auf Empfängen legt sie schon mal ihr Handy ans Ohr und tut einfach so, als sei der Commander in Chief dran, den man übrigens nie auf dem Bildschirm sieht. Auch außerhalb des Regierungsviertels hat Selina Probleme, ernstgenommen zu werden. Ein Mitarbeiter klagt: "Auf Wikipedia hat schon wieder irgend jemand ihr Gewicht geändert!"

Mit Veep etabliert sich der britische Comedian und Autor Armando Ianucci im internationalen Geschäft. Der immer etwas traurig dreinblickende Mann mit Halbglatze und wirrem schwarzen Resthaar hat Erfahrungen mit Polit-Satire, die hinter die Kulissen der Macht sieht und dort vor allem Lächerlichkeit entdeckt. Gefilmt ist Veep mit Handkamera im Stil von The Office beziehungsweise der deutschen Nachahmung Stromberg oder The Thick of it, Ianuccis Geniestreich in der BBC.

The Thick of it läuft mit Unterbrechungen seit 2005 und konzentriert sich auf eine inkompetente britische Ministerin, die ständig vom schottischen spin doctor Malcolm Tucker (Peter Capaldi) heimgesucht wird. Der ist im Auftrag des Premierministers unterwegs und darf sich deshalb aufführen wie er will, solange er nur die PR-Desaster verhindert, zu denen die Regierenden neigen. Parteidisziplin geht über Anstand. Tucker ist ein echter Bully, er flucht und beleidigt wie wohl keine Fernsehfigur vor ihm. Seine immer neuen Kombinationen der Worte fuck, cunt und cock (wahlweise horse cock) sind tatsächlich Kunst. Reales Vorbild für Tucker war Alastair Campbell, der für Tony Blair über das Image von "New Labour" wachte.

Wie schon in The Thick of it zeigt Ianucci in Veep Politik als parasitäres Geschäft. Die Politiker sind keine Bösewichte, sondern eher arme Schweine, deren letzte Reste von Idealismus in den Kleinkriegen des Tagesgeschäfts aufgerieben werden. Moralisch verkommen ist vor allem ihre Entourage, jene, die sich von ihrer Nähe Vorteile erhoffen. Da nutzen Regierungsbeamte ihre Stellung für Sex aus ("Es ist Praktikanten-Saison!"), betteln um Aufmerksamkeit ("Der Präsident hat heute viermal mit mir gesprochen!") oder versuchen sich mit Nonsens-Ideen zu profilieren: Als Selina die Eisdiele einer afroamerikanischen Famile besuchen soll, listen ihre Mitarbeiter Eissorten mit guter und schlechter Außenwirkung auf einem Flipchart auf: "Cookies and Cream - das steht für die Integration der Rassen!"

Eine strahlende Heldin ist Selina Meyer aber nicht. Als der Präsident in Folge zwei Schmerzen in der Brust bekommt, ist sie plötzlich die Nummer eins. Wie Louis-Dreyfuß Entsetzen über die Krankheit des Präsidenten heuchelt und dabei erfolglos versucht, ein Grinsen zu unterdrücken, ist ein Highlight der Serie. Der Traum des Vizepräsidenten ist ein makaberer.

Politik ist schmutzig bei Ianucci, deshalb muss auch die Sprache schmutzig sein: Auf dem Pay-Sender HBO gilt keine US-Prüderie, es darf obszön geflucht werden. Als das Weiße Haus eine Rede, die Selina halten soll, bis zur kompletten Inhaltslosigkeit zensiert, fragt sie ungläubig: "Die ficken mich mit dem Rotstift?" Antwort: "Von vorne und von hinten." Trotzdem bleibt Veep im Vergleich zum britischen Vorbild brav. Immerhin gibt es Ianuccis Comedy-Genie jetzt auf Deutsch zu hören - die Witze funktionieren bei Veep auch synchronisiert.

Die Schimpftiraden von Malcolm Tucker dagegen gibt es nach wie vor nur auf Englisch in der DVD-Box und in In the Loop, dem Kinofilm zur Serie, der in Deutschland als Kabinett außer Kontrolle floppte. Vielleicht ist es auch besser, wenn Sätze wie "Allow me to pop a jaunty little bonnet on your purview and ram it up your shitter with a lubricated horse cock" unübersetzt bleiben.

Der Pay-TV-Sender Sky Atlantic überträgt die ersten acht Folgen Veep vom 13. November an in Deutschland. Bei einem Empfang in Berlin gab es die ersten Folgen schon zu sehen, auf dem Podium diskutierten unter anderem Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow und Schauspieler Wolfgang Fierek über die Unterschiede zwischen Wahlkampf in Deutschland und den USA. Zu ihren Bonmots gehörte, dass Harry Truman als Vizepräsident nicht einmal wusste, dass die USA an der Atombombe forschten und dass John Nance Garner, in den Dreißigern Vize von Franklin Delano Roosevelt, den Satz gesagt haben soll, sein Amt sei nicht mehr wert als "ein warmer Eimer Spucke". Und Fierek, der seit 16 Jahren unter anderem in Arizona lebt und so etwas wie der oberste Amerika-Fan der deutschen Promi-Szene ist, verriet bei Hendl mit bayerisch-amerikanischer Soße seine HBO-Lieblingsserie: die Western-Serie Deadwood: "Des is Shakespeare!" (Trailer)

Linktipp: Der New Yorker hat Ianucci und Louis-Dreyfuss am Set von Veep besucht.