US-Verteidigungsminister Chuck Hagel Vom Infanteristen zum Herren über Amerikas Kriege

Wird wohl neuer erster Mann im Pentagon: Chuck Hagel

(Foto: dpa)

Er stammt aus einer armen Familie in Nebraska, kämpfte in Vietnam, wurde durch Mobiltelefonie Multimillionär und später Senator. Ohne eine ordentliche Portion Sturheit wäre Chuck Hagel nicht da, wo er jetzt ist - im Zentrum der Macht. Unter US-Präsident Obama soll der Republikaner Verteidigungsminister werden.

Von Hubert Wetzel

Es muss nicht schaden, wenn ein Verteidigungsminister weiß, was Krieg ist. Chuck Hagel hat seinen Teil Krieg schon vor Jahrzehnten abbekommen - mehr vermutlich, als ihm lieb ist. Hagel war gerade 21, ein Junge vom Land, frisch aus der Highschool, als die Army ihn 1967 nach Vietnam schickte. Ein Jahr lang kämpfte Hagel im Dschungel des Mekong-Deltas, am Ende seiner Dienstzeit war er Feldwebel (Sergeant) und Führer eines Infanteriezugs.

Einer seiner Männer war sein jüngerer Bruder Tom. Einmal rettete Tom Chuck das Leben, als er eine Wunde mit Verbandszeug zustopfte, die ein Minensplitter in dessen Brust gerissen hatte. Einmal rettete Chuck Tom das Leben, als er ihn aus einem brennenden Panzerwagen zog. Die Hagel-Brüder überlebten Vietnam, zusammen brachten sie fünf Verwundetenabzeichen und ein halbes Dutzend Tapferkeitsmedaillen mit nach Hause. Vom Krieg aber hatten sie genug.

"Ich habe mir damals geschworen, alles zu tun, was ich kann, um Kriege zu verhindern", sagte Chuck Hagel Jahre später in einem Interview, als er längst ein erfolgreicher Geschäftsmann, Millionär und Senator seines Heimatstaats Nebraska war. "Es gibt nichts Glorreiches im Krieg."

Herr über Amerikas Kriege

Für die kommenden Jahre soll nun Chuck Hagel der Herr über Amerikas Kriege werden. Am Montag schlug Präsident Barack Obama den 66 Jahre alten Republikaner als neuen Verteidigungsminister vor. Dass ein demokratischer Präsident einen Republikaner an die Spitze des Pentagon stellt, ist nicht ungewöhnlich; auch der ehemalige Verteidigungsminister Robert Gates gehörte der gegnerischen Partei an, Obama hatte ihn sogar von seinem Vorgänger George W. Bush übernommen. Ungewöhnlich ist hingegen die scharfe Ablehnung, die Hagel von seinen republikanischen Parteifreunden im Senat entgegenschlägt, der die Nominierung bestätigen muss.

Es sind zwei Dinge, die Hagels ehemalige Senatskollegen so in Rage bringen. Zum einen wird Hagel als Feind Israels dargestellt - ein absurder Vorwurf, den neokonservative Büchsenspanner in Washington vor einigen Wochen erfunden haben und dem sie seitdem durch dauernde Wiederholung Glaubwürdigkeit zu verleihen versuchen. "Chuck Hagel wäre der israelfeindlichste Verteidigungsminister in der Geschichte des Landes", wetterte der republikanische Senator Lindsey Graham.

Streitpunkt Iran

Richtig ist, dass Hagel - deutlich stärker als andere Senatoren - die israelische Siedlungspolitik kritisiert hat, ebenso den Einfluss, den proisraelische Lobbygruppen in Washington haben. Amerika, so warnte er, dürfe seine Interessen im Nahen Osten nicht zwangsläufig mit denen Jerusalems gleichsetzen. Angekreidet wird ihm auch, dass er einmal von einer "jüdischen Lobby" in den USA sprach, ein Ausdruck, für den er sich zwar entschuldigte, anhand dessen ihn heute gleichwohl seine Gegner als Antisemiten denunzieren wollen.

Da Obama selbst kein besonders inniges Verhältnis zu israelischen Regierung hat, dürfte ihn Hagels Kritik an Jerusalem im Zweifelsfall eher gelegen kommen. Der zweite Vorwurf der Republikaner gegenüber Hagel hat da mehr Gewicht: Obama hat klipp und klar erklärt, er werde nicht zulassen, dass Iran eine Atombombe baue. Um das zu verhindern, sei auch ein Militäreinsatz eine Option. Hagel hingegen hat immer offen erklärt, dass er strikt gegen einen Krieg um Irans Nuklearprogramm ist. Er plädiert für Verhandlungen mit Teheran. Sollte Hagel im neuen Amt vom Senat bestätigt werden, könnte also die Lage entstehen, dass Amerika einen Krieg führt, den der Präsident befohlen hat, der Verteidigungsminister aber ablehnt. Politisch wäre das kaum lange Zeit durchzuhalten.