Von Christian Wernicke

Nach der Wahlniederlage haben die US-Republikaner keine Antworten auf die Probleme des 21. Jahrhunderts. Und die Abrechnung für das Debakel steht noch bevor.

Alles nicht so schlimm. So jedenfalls hat Michael Barone, demoskopischer Chefanalyst beim konservativen American Enterprise Institute, vor wenigen Tagen das Wahlergebnis gedeutet. "Dies war ein Triumph des Temperaments, nicht der Politik", erklärt der bullige Experte seinem Publikum die Niederlage der Grand Old Party.

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Neue Heldin der Parteirechten: Sarah Palin, ehemalige Kandidatin für die Vizepräsidentschaft. (© Foto: Reuters)

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Barone bemüht bunte Bilder, als er vor 250 meist trübseligen Republikanern im Auditorium dieses rechten - unter George W. Bush stets einflussreichen - Think Tanks seine Weisheiten ausbreitet. Etwa so: In Zeiten von Finanzkrise und Job-Angst habe John McCain "leider zu sehr wie ein Kampfpilot agiert" - zu hektisch also und zu aggressiv. Obama hingegen sei "cool und kühl geblieben wie ein Jura-Professor". Tiefere Gründe - etwa einen Linksruck im Volk oder gar den Anbruch einer demokratischen Ära - mag Barone nicht ausmachen. Nein: "Professor besiegt Pilot" - und basta!

Das klingt originell - und ist doch arg konventionell. Denn die Republikanische Partei hat am 4. November weit mehr als nur das Weiße Haus verloren. Ein riesiger Landstrich wie Neuengland schickt fortan nicht mehr einen einzigen Abgeordneten ins Repräsentantenhaus. Und im Westen, in der Weite von Colorado, New Mexiko und sogar von McCains Heimatstaat Arizona wartet eine "braune Gefahr" auf die traditionell roten Republikaner: Die stetig wachsende Minderheit der Latinos hat mit Zwei-Drittel-Mehrheit für die Demokraten votiert.

Als Bastion bleibt der Partei nur der tiefe Süden des USA. Nur dort - in Alabama und Arkansas, im Osten von Texas und in Oklahoma - hat die weiße Wählermehrheit diesmal sogar leidenschaftlicher für John McCain als vor vier Jahren für George W. Bush gestimmt. Der Verdacht liegt nahe, dass darunter viele Gemüter waren, die schlicht keinen Schwarzen im Weißen Haus sehen wollten.

Obamas Aussichten, mit Repräsentanten dieser Wähler demnächst überparteiliche Kompromisse auszuhandeln, sind gering. "Es gibt im Kongress weniger moderate Republikaner denn je, zu denen Obama Brücken bauen kann", urteilt der konservative Kolumnist David Brooks.

Nur träge beginnt die republikanische Suche nach den Ursachen für das Debakel. Wertvolle Vorarbeit hat da John McCain geleistet, als er sich in der Schlussphase seiner Kampagne verzweifelt abzugrenzen versuchte vom Erbe des George W. Bush. Dass der Bundeshaushalt, die Staatsverschuldung und die Regierungsbürokratie am Potomac ausgerechnet unter republikanischer Regentschaft allesamt angeschwollen sind - das hat McCain wieder und wieder als Sündenfall gegeißelt.

Die richtige Abrechnung jedoch, glaubt der Rechtsintellektuelle Jonah Goldberg, werde erst nach dem 20. Januar 2009 beginnen, "wenn der riesige Elefant im Raum namens George" nicht mehr im Oval Office sitze.

Mit brutaler Härte hat die US-Finanzkrise die Republikaner zudem im Wahlkampf spüren lassen, dass sie keine rechte Antwort auf die Probleme des 21. Jahrhunderts mehr haben. McCain hatte als Kandidat ja monatelang treu gesungen, was seit Ronald Reagan zum guten Ton der Grand Old Party gehört: Das hohe Lied auf Steuersenkung und Deregulierung. Dann brach die Wall Street ein und nun klangen die alten Parolen von immer weniger Staat vielen Wählern schrill und wenig zeitgemäß in den Ohren.

"Durch die Tür gehen"

Derweil gerät das Treffen republikanischer Gouverneure in Miami zu einem Schaulaufen potentieller Bewerber für 2012. Rufe nach einem inhaltlichen Neuanfang vernimmt dort niemand. In ersten Prognosen über das Personal für den nächsten Anlauf werden in Miami nur Namen genannt, die 2008 scheiterten: Mitt Romney, der so telegene wie glatte Ex-Gouverneur von Massachusetts, und Mike Huckabee, der frühere Baptistenprediger und Gouverneur von Arkansas.

Und natürlich Sarah Palin: Sie ist die neue Heldin der Parteirechten, obwohl gerade ihre Kandidatur für die Vizepräsidentschaft am 4. November Millionen moderate Wähler abschreckte. Sie bete zu Gott, so hat Palin gerade gesagt, dass sie "keine offene Tür verpasse". Falls es 2012 für sie so weit sei, "dann werde ich mit aller Kraft durch diese Tür gehen".

Für David Frum, als Experte des Enterprise Institute einer der wenigen Rufer nach einem programmatischen Neuanfang, verkörpert Sarah Palin die falsche Antwort: "Sie will nur die Lautsprecher aufdrehen, nicht die Botschaft verändern." Frum glaubt, der Wahltag habe Amerika sehr wohl eine Wende beschert.

"Viele von uns haben das nur noch nicht begriffen", sagt er. "Die Demokraten brauchten nach Reagans Sieg 1980 auch drei Amtszeiten, um umzulernen."

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(SZ vom 13.11.2008/sekr)